»…Der Mensch ist sozusagen eine Art Prothesengott geworden, recht großartig, wenn er alle seine Hilfs-organe anlegt, aber sie sind nicht mit ihm verwachsen und machen ihm gelegentlich noch viel zu schaffen.« Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur, 1930
Es gibt die Erfahrung, dass man sich nach einem Tag körperlicher Arbeit zufriedener fühlt als durch reine geistige Arbeit oder dem reinen Bedienen von Apparaturen. Eine Ausweichvariante ist vielleicht der Sport. Wie viel Apparatur, wie viel Ausweitung tut dem Menschen gut?
Was ist denn das Menschliche am Mensch? Jedes Lebewesen, jedes Tier, hat das Bedürfnis sich zu bewegen. Das ist gerade nicht das Menschliche am Menschen. Allerdings ist es interessant, dass es eine Wiederentdeckung des Haptischen, des Taktilen als ein Gegeneffekt zu den Wirkungen von Computer-Bildschirm-Kulturen, wie die Minimierung der Interfaces gibt. So wie in der Laptopmusik erkannt wurde, dass es für ein Konzert nicht sehr spannend ist, wenn drei Leute nur hinter ihrem Bildschirm sitzen. Da kann es noch so spannend sein, was sie akustisch produzieren. Deswegen ist ein pseudorhythmisches oder real rhythmisches Element bei der Bedienung von Laptops zurück gekommen. Im Moment schrumpft die Tastatur immer mehr, aber da gibt es Grenzen. Unsere Finger haben nun mal eine bestimmte Größe. Es ist zu erwarten, dass ganz andere Raumdimensionen wieder entdeckt werden. Das Theremin erlebt beispielsweise eine Renaissance. Das gehört also mit zum Menschen. Der Computer oder die digitale Kultur ist nicht reduzierbar auf die reine Informationsverarbeitung. Das ist komplexer. Wie wir das Haptische, das Körperliche mit einbauen, das theoretisch nur sehr bedingt an die eigentlichen Informationen zu koppeln ist, ist noch eine schwierige Aufgabe, an der Theoretiker, Mediendesigner und Technologieentwickler arbeiten. Da steckt auch eine riesige Industrie hinter, die diese Frage beantwortet haben will.
Sie haben einmal erklärt, dass im Medienzeitalter das Prinzip der Datenbank vorherrscht. Dabei liegen eine Vielzahl von Informationen gleichwertig nebeneinander. Die Verknüpfungen und damit auch die Hierarchie von Informationen werden vonjedem Einzelnen festgelegt. Braucht nicht eine Kultur, in der man gemeinsam lebt, gemeinsame Strukturen?
Die Kultur ist eigentlich eine symbolische Ordnung. Eine widernatürliche Ordnung sogar. Es gibt Vereinbarungen, bestimmte Regelsysteme, auf die sich solche widerstrebigen Lebewesen, die sich individuell ganz anders verhalten würden, einigen. Kultur ist so eine Vereinbarung. Diese funktioniert auf einer symbolischen Ebene, die symbolische Ebene ist die Ordnungsebene. Religiöse Systeme, Ideologien behaupten solche Ordnungen müssten prinzipiell auf ewig sein. Ordnungen wie Staaten, Nationen, in der klassischen Form, haben sich die Dauer von 1000 oder mehr Jahren gegeben. Beschleunigt durch ständiges sich Übertragen werden Ordnungen immer kurzfristiger – das ist ein Teil unserer Medienkultur. Im Arbeitsleben geht man auch nicht mehr davon aus, bis ans Lebensende eine Stelle zu behalten. Ebenso verschieben sich Kulturen. Der Nationenbegriff ist sehr interkulturell geworden. Ordnungen werden nur noch auf Zeit und für immer kürzere Zeiträume und begrenztere Gebiete aufrechterhalten. Das ist also eine Dynamisierung der Ordnung, ohne dass der Ordnungsbegriff aufgehoben wird. Wir brauchen symbolische Ordnungen, aber wir können immer flexibler damit umgehen. Auf der Grundlage von Datenbanken gibt es eine beschleunigte, dynamisierte Ordnung. Diese ist an die Stelle der klassischen, festen, fixierten, raumhaften, monumentalen Ordnung getreten.
Können Sie sich vorstellen, wie sich das auf die politische Ordnung ausweitet?
Auch dort gelten die kürzer werdenden Zeiträume, in denen bestimme Ordnungen gelten. Ich muss an die Finanzkrise Griechenlands denken. Es scheint fast so, dass man sich allmählich an den unerhörten Gedanken gewöhnt, dass auch Nationen bankrott gehen, aufgehoben oder neu konfiguriert werden können. Diesen Nationenbegriff preiszugeben, wäre für unsere Väter oder Großväter noch undenkbar gewesen. Das kann aber vielleicht in neue Ordnungssysteme, europäische oder andere, suspendiert werden. Es ist ganz erstaunlich, dass dort eine Offenheit herrscht, die den klassischen Ordnungssystemen gar nicht zuzutrauen gewesen wäre.
Das wird dann eher durch die Masse entschieden als durch bestimmte Entscheidungsträger, da es sich um eine dezentralisierte Ordnung handelt. Dezentral ist ein wichtiges Stichwort. Wir leben in einer Medienkultur, die eingeübt hat, mit dezentralen Systemen umzugehen. Das Internet, in dem sich jeder selbstverständlich bewegt, zeigt, dass die Kultur reif ist sich selbständig in dezentralen Systemen zu orientieren. Das war ja nicht immer so. In der Hinsicht sind wir mündig. Wir können uns nonlinear verhalten. Die Film- und Schreibkunst kann mitnonlinearen Systemen umgehen, es wird ja viel damit experimentiert. Die klassische Erzählordnung hatte immer einen klaren Anfang und ein klares Ende, dazwischen spielten sich wunderbare Dinge ab, aber sie war immer abgeschlossen. Das wird jetzt geöffnet. Das ist ganz sicher gekoppelt an technologische Möglichkeitsbedingungen, die uns das einüben lassen. Oder die uns das inzwischen selbstverständlich erscheinen lassen.
Plato bemerkte zur Einführung der Schrift: „…Denn diese Erfindung wird die Lernenden in ihrer Seele vergesslich machen, weil sie dann das Gedächtnis nicht mehr üben; denn im Vertrauen auf die Schrift suchen sie sich durch fremde Zeichen außerhalb, und nicht durch eigene Kraft im Inneren zu erinnern.“ Wenn man neue Kompetenzen dazugewinnt, wie das Umgehen mit neuen Medien und den daraus resultierenden Ordnungen, werden andere dafür eingebüßt.
Dinge, die überwunden wurden, die verlorengegangen sind, kehren unter anderen Bedingungen wieder zurück. Das Telefon, die gesprochene Stimme, das Radio, also die klassischen analogen Medien, gelten oft als Vorgänger des Digitalen. Im Grunde ist aber die Morsetelegrafie oder auch die alphabetische Schrift das Digitale vor dem Analogen. Es gab schon mal eine digitale Epoche bevor sich die Kommunikationstech-nologien zum Analogen verlagerten. Dann kehrte das Digitale in anderer, mathematisierter Form zurück. Bestimmte Dinge, die ausgegrenzt wurden, kehren unter anderen Umständen wieder. Das ist eine ganz andere Figur, die ich gar nicht mehr als Geschichte bezeichnen würde, weil es nicht ein linearer Fortschritt ist. Nicht eins baut auf dem Anderen auf, sondern es kehrt wieder – das ist eine Rekonfiguration. Gerade auf dem Gebiet von Medienpraktiken und kulturellen Kompetenzen kann man das sehr gut nachweisen.
Das Akustische, das in früheren, nicht schriftlichen Kulturen, eine viel größere Rolle gespielt hat, ist durch die Schrift und ihre Verbreitung über den Buchdruck zurück gesetzt worden. Durch das Lesen wurde der optische Sinn extrem privilegiert. Heute kehrt das Akustische wieder zurück. Dass dies mit der Elektrifizierung zu tun hat, ist auch eine These McLuhans: Die Gleichzeitigkeit, die mit Elektrizität erzeugt werden kann, steht demakustischen Raum näher. Da prophezeite er etwas, was heute als „Sonic Turn“ richtig fassbar ist. Als Wissensaufnahmeorgan wird plötzlich das Ohr wieder entdeckt. Wissen kann man nicht nur visualisieren, verbildlichen, sondern auch verklanglichen. Der Sonic Turn wird (nach dem Iconic Turn) momentan auf vielen Kongressen thematisiert. Meine eigene These als Medientheoretiker ist diese: Ein Bild, das an der Wand hängt, oder ein Gebäude, das als Architektur in der Stadt steht, existiert im Raum. Während die elektronischen und hochtechnischen Medien immer Funktionen der Zeit, also dynamisch sind. Sie sind nur im Medienzustand, wenn sie einen Prozess erfüllen. Das Fernsehbild ist immer im Aufbau, der Computer muss jedes Bild „refreshen“. Diese Eigenschaften teilen sie mit den Klängen. Auch einen Ton muss sich in der Zeit entfalten. Es gibt also eine Wesenverwandschaft auf einer rein analytischen Ebene zwischen den hochtechnisierten Medien und dem Akustischen. Das führt zumindest zu einem privilegierten Verhältnis.
Die digitale Technik löst also nicht die analoge Technik ab. Es ändert sich eigentlich nur die Nutzung. Macht es überhaupt Sinn, eine Trennlinie zwischen diesen Begriffen zu ziehen?
Ich kann das noch auf einer anderen Ebene zuspitzen. Wenn wir das Analoge ganz genau betrachten, ist es eine fast metaphysische Erfindung. So analog wie wir denken, ist das Analoge gar nicht. Das Analoge als das Kontinuierliche, das Stetige – aus der Sicht der Quantenphysik gilt das nicht mehr. Je genauer wir hinschauen, sehen wir, dass die Natur Sprünge macht. Das was uns intuitiv als kontinuierlich erscheint, Töne oder der Wachstum einer Pflanze, ist wenn man genauer hinschaut sprunghaft. Deswegen sagen manche, das Universum ist ein Rechner, es rechnet in diskreten Schritten. Claude Shannon hat neben seiner großen mathematischen Informationstheorie, die für die Technik von Mobiltelefonie und Digitalkameras grundlegend ist, auf Harry Nyquist Überlegungen aufbauend, das Abtasttheorem formuliert: Wenn man ein analoges, bandbegrenztes Signal mit dem doppelten Wert der höchsten darin enthaltenen Frequenz abtastet, kann man das Signal verlustfrei rekonstruieren. Etwas Analoges wird digitalisiert, kann am Ende aber wieder im vollen Sinne analog ausgegeben werden. Das Digitale kann das Analoge also auf seinem eigenen Feld erfassen.
Viele meinen, das Analoge sei vor dem Digitalen da gewesen oder das Analoge sei etwas ganz anderes als das Digitale. Das ist auf vielen Ebenen aber mehr miteinan der verwoben. Es ist nicht dasselbe, es ist auf eine spannende Weise komplex.
Ganz am Anfang als sich die Idee entwickelte dieses Magazin zu machen, stand die Beobachtung, dass es viele Menschen gibt, die an bestimmten analogen Medien festhalten. Dabei geht es meist um gefühlte, nicht rational fassbare Qualitäten, die dem jeweiligen Medium zugeschrieben werden. Das klassische Beispiel ist das Liebhaberstück „Schallplatte“ von dem viele behaupten, es habe einen besseren Klang als digitale Equivalente. Ist das rein subjektive Nostalgie?
Die Frage haben wir uns auch in der hiesigen Medientheorie gestellt. Und wie geht Wissenschaft vor? Sie versucht es mit wissenschaftlichen Mitteln zu prüfen. Wir haben eine Experimentalanordnung gemacht. Wir wollten wissen, ob es ein Mythos ist, dass ein Klang aus einem Verstärker mit Elektronenröhren wärmer klingt als aus einem Transistorver-stärker. Für Musiker ist das eine ganz entscheidende Frage. Was man am Ende nachweisen kann, ist Folgendes: Für Ingenieure ist es ein Nachteil, dass die Elektronenröhren einen höheren Klirrfaktor haben. Für die frühen Rockmusiker war gerade dies spannend, da sich daraus eine leichte Verzerrung ergibt. In hohem Maße ist das ein subjektives Empfinden der Musiker, die brauchen die physische Präsenz des Elektronenröhrenverstärkers. Das ist eine andere Interaktion als mit dem zum Verschwinden kleinen Transistorverstärker, der nur noch fiktiv haptische Eigenschaften besitzt. Es ist also teilweise objektiv wahr, aber zum großen Teil auch nicht. Fast alles, was der Röhrenverstärker kann, kann der Transistorverstärker auch. Es ist also ein Mischung aus subjektiven Empfindungen und dem Klirrfaktor Argument.
Warum ist das für uns ein so großes Thema? Warum gibt es diese Skepsis, woher kommt die Verunsicherung?
Das Analoge steht im Direktkontakt mit der Welt. Während das Digitale eine absolute Abstraktion darstellt. Bei einer Digitalkamera fällt reales Licht auf den CCD-Chip. Das Licht wird in einen Spannungswert gewandelt, der nicht direkt weiterläuft, sondern in binäre Werte verwandelt wird. Diese sind rechenbar und pixelweise vollständig manipulierbar. Die erhaltenen Daten haben nicht mehr direkt etwas mit dem physikalischen Lichtereignis zu tun, sondern sind eine Abstraktion dessen. Darin liegt die ganze Macht des Digitalen. In gewisser Weise verlieren wir den Direktkontakt mit der Welt, sind dadurch verunsichert. Auf der anderen Seite ist die Technik extrem hoch optimiert. Sie kann uns die ganze Welt so perfekt vormachen, dass wir sie alltäglich gebrauchen. Wir wissen es ist künstlich, aber wir können es absolut natürlich verwenden. Ich erwähne da gerne Homers „Odyssee“. Odysseus kommt an einem Punkt in der Geschichte in die Versuchung, von Sirenen verführt zu werden. Maurice Blanchot, der französische Philosoph und Literaturwissenschaftler, hat das mal so formuliert: Das, was die Sirenen singen, klingt wie die schönste menschliche Stimme. Deswegen sind sie so verführerisch. Gleichzeitig weiß man: Das sind Monster, das sind künstliche Wesen. Unsere Sinne behandeln das Erklingen einer bestimmten Stimmfrequenz wie gegenwärtig. Das hat einen unglaublich Präsenz erzeugenden Effekt. Das ist gerade die Macht von Tonträgern. Solange das nur aufgeschrieben ist, auf Buchstaben- oder Notenebene, ist das harmlos. Aber wir glauben wirklich da erklingt die Stimme, auch wenn die Person, deren Stimme wir vernehmen, schon lange tot ist. Das sind fundamentale Irritationen. Vorher war klar, was tot, was lebendig oder was Vergangenheit, was Gegenwart ist. Jetzt wird diese Gewissheit von Medien unterlaufen.
Kann das auch daran liegen, dass man verstehen möchte, wie bestimmte Dinge funktionieren?
Dies liegt ja bei digitalen Medien nicht mehr so offen. Ja, daher ist es wichtig, die verborgenen Prozesse offenzulegen. Man muss gerade jetzt in der digitalen Kultur klarmachen, was die Logiken, die Programme, die Algorithmen sind. Um kritisch eingreifen zu können, muss man wissen, was da läuft. Vorher konnte man basteln, das war noch ganz haptisch. Jetzt müssen sie sich auf die logische Ebene einlassen, jetzt müssen sie programmieren. Dann können sie das Medium auch kritisieren.


















DAS HAUS DER STILLEN MEDIEN
Mehr lesen »