DAS HAUS DER STILLEN MEDIEN

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PROTHESEN- GÖTTER, DYNAMISCHE ORDNUNG & KÜNSTLICHE WESEN

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»…Der Mensch ist sozusagen eine Art Prothesengott geworden, recht großartig, wenn er alle seine Hilfs-organe anlegt, aber sie sind nicht mit ihm verwachsen und machen ihm gelegentlich noch viel zu schaffen.« Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur, 1930

 

Es gibt die Erfahrung, dass man sich nach einem Tag körperlicher Arbeit zufriedener fühlt als durch reine geistige Arbeit oder dem reinen Bedienen von Apparaturen. Eine Ausweichvariante ist vielleicht der Sport. Wie viel Apparatur, wie viel Ausweitung tut dem Menschen gut?
Was ist denn das Menschliche am Mensch? Jedes Lebewesen, jedes Tier, hat das Bedürfnis sich zu bewegen. Das ist gerade nicht das Menschliche am Menschen. Allerdings ist es interessant, dass es eine Wiederentdeckung des Haptischen, des Taktilen als ein Gegeneffekt zu den Wirkungen von Computer-Bildschirm-Kulturen, wie die Minimierung der Interfaces gibt. So wie in der Laptopmusik erkannt wurde, dass es für ein Konzert nicht sehr spannend ist, wenn drei Leute nur hinter ihrem Bildschirm sitzen. Da kann es noch so spannend sein, was sie akustisch produzieren. Deswegen ist ein pseudorhythmisches oder real rhythmisches Element bei der Bedienung von Laptops zurück gekommen. Im Moment schrumpft die Tastatur immer mehr, aber da gibt es Grenzen. Unsere Finger haben nun mal eine bestimmte Größe. Es ist zu erwarten, dass ganz andere Raumdimensionen wieder entdeckt werden. Das Theremin erlebt beispielsweise eine Renaissance. Das gehört also mit zum Menschen. Der Computer oder die digitale Kultur ist nicht reduzierbar auf die reine Informationsverarbeitung. Das ist komplexer. Wie wir das Haptische, das Körperliche mit einbauen, das theoretisch nur sehr bedingt an die eigentlichen Informationen zu koppeln ist, ist noch eine schwierige Aufgabe, an der Theoretiker, Mediendesigner und Technologieentwickler arbeiten. Da steckt auch eine riesige Industrie hinter, die diese Frage beantwortet haben will.

Sie haben einmal erklärt, dass im Medienzeitalter das Prinzip der Datenbank vorherrscht. Dabei liegen eine Vielzahl von Informationen gleichwertig nebeneinander. Die Verknüpfungen und damit auch die Hierarchie von Informationen werden vonjedem Einzelnen festgelegt.  Braucht nicht eine Kultur, in der man gemeinsam lebt, gemeinsame Strukturen?
Die Kultur ist eigentlich eine symbolische Ordnung. Eine widernatürliche Ordnung sogar. Es gibt Vereinbarungen, bestimmte Regelsysteme, auf die sich solche widerstrebigen Lebewesen, die sich individuell ganz anders verhalten würden, einigen. Kultur ist so eine Vereinbarung. Diese funktioniert auf einer symbolischen Ebene, die symbolische Ebene ist die Ordnungsebene. Religiöse Systeme, Ideologien behaupten solche Ordnungen müssten prinzipiell auf ewig sein. Ordnungen wie Staaten, Nationen, in der klassischen Form, haben sich die Dauer von 1000 oder mehr Jahren gegeben. Beschleunigt durch ständiges sich Übertragen werden Ordnungen immer kurzfristiger – das ist ein Teil unserer Medienkultur. Im Arbeitsleben geht man auch nicht mehr davon aus, bis ans Lebensende eine Stelle zu behalten. Ebenso verschieben sich Kulturen. Der Nationenbegriff ist sehr interkulturell geworden. Ordnungen werden nur noch auf Zeit und für immer kürzere Zeiträume und begrenztere Gebiete aufrechterhalten. Das ist also eine Dynamisierung der Ordnung, ohne dass der Ordnungsbegriff aufgehoben wird. Wir brauchen symbolische Ordnungen, aber wir können immer flexibler damit umgehen. Auf der Grundlage von Datenbanken gibt es eine beschleunigte, dynamisierte Ordnung. Diese ist an die Stelle der klassischen, festen, fixierten, raumhaften, monumentalen Ordnung getreten.

Können Sie sich vorstellen, wie sich das auf die politische Ordnung ausweitet?
Auch dort gelten die kürzer werdenden Zeiträume, in denen bestimme Ordnungen gelten. Ich muss an die Finanzkrise Griechenlands denken. Es scheint fast so, dass man sich allmählich an den unerhörten Gedanken gewöhnt, dass auch Nationen bankrott gehen, aufgehoben oder neu konfiguriert werden können. Diesen Nationenbegriff preiszugeben, wäre für unsere Väter oder Großväter noch undenkbar gewesen. Das kann aber vielleicht in neue Ordnungssysteme, europäische oder andere, suspendiert werden. Es ist ganz erstaunlich, dass dort eine Offenheit herrscht, die den klassischen Ordnungssystemen gar nicht zuzutrauen gewesen wäre.

Das wird dann eher durch die Masse entschieden als durch bestimmte Entscheidungsträger, da es sich um eine dezentralisierte Ordnung handelt. Dezentral ist ein wichtiges Stichwort. Wir leben in einer Medienkultur, die eingeübt hat, mit dezentralen Systemen umzugehen. Das Internet, in dem sich jeder selbstverständlich bewegt, zeigt, dass die Kultur reif ist sich selbständig in dezentralen Systemen zu orientieren. Das war ja nicht immer so. In der Hinsicht sind wir mündig. Wir können uns nonlinear verhalten. Die Film- und Schreibkunst kann mitnonlinearen Systemen umgehen, es wird ja viel damit experimentiert. Die klassische Erzählordnung hatte immer einen klaren Anfang und ein klares Ende, dazwischen spielten sich wunderbare Dinge ab, aber sie war immer abgeschlossen. Das wird jetzt geöffnet. Das ist ganz sicher gekoppelt an technologische Möglichkeitsbedingungen, die uns das einüben lassen. Oder die uns das inzwischen selbstverständlich erscheinen lassen.

Plato bemerkte zur Einführung der Schrift: „…Denn diese Erfindung wird die Lernenden in ihrer Seele vergesslich machen, weil sie dann das Gedächtnis nicht mehr üben; denn im Vertrauen auf die Schrift suchen sie sich durch fremde Zeichen außerhalb, und nicht durch eigene Kraft im Inneren zu erinnern.“ Wenn man neue Kompetenzen dazugewinnt, wie das Umgehen mit neuen Medien und den daraus resultierenden Ordnungen, werden andere dafür eingebüßt.

Dinge, die überwunden wurden, die verlorengegangen sind, kehren unter anderen Bedingungen wieder zurück. Das Telefon, die gesprochene Stimme, das Radio, also die klassischen analogen Medien, gelten oft als Vorgänger des Digitalen. Im Grunde ist aber die Morsetelegrafie oder auch die alphabetische Schrift das Digitale vor dem Analogen. Es gab schon mal eine digitale Epoche bevor sich die Kommunikationstech-nologien zum Analogen verlagerten. Dann kehrte das Digitale in anderer, mathematisierter Form zurück. Bestimmte Dinge, die ausgegrenzt wurden, kehren unter anderen Umständen wieder. Das ist eine ganz andere Figur, die ich gar nicht mehr als Geschichte bezeichnen würde, weil es nicht ein linearer Fortschritt ist. Nicht eins baut auf dem Anderen auf, sondern es kehrt wieder – das ist eine Rekonfiguration. Gerade auf dem Gebiet von Medienpraktiken und kulturellen Kompetenzen kann man das sehr gut nachweisen.

Das Akustische, das in früheren, nicht schriftlichen Kulturen, eine viel größere Rolle gespielt hat, ist durch die Schrift und ihre Verbreitung über den Buchdruck zurück gesetzt worden. Durch das Lesen wurde der optische Sinn extrem privilegiert. Heute kehrt das Akustische wieder zurück. Dass dies mit der Elektrifizierung zu tun hat, ist auch eine These McLuhans: Die Gleichzeitigkeit, die mit Elektrizität erzeugt werden kann, steht demakustischen Raum näher. Da prophezeite er etwas, was heute als „Sonic Turn“ richtig fassbar ist. Als Wissensaufnahmeorgan wird plötzlich das Ohr wieder entdeckt. Wissen kann man nicht nur visualisieren, verbildlichen, sondern auch verklanglichen. Der Sonic Turn wird (nach dem Iconic Turn) momentan auf vielen Kongressen thematisiert. Meine eigene These als Medientheoretiker ist diese: Ein Bild, das an der Wand hängt, oder ein Gebäude, das als Architektur in der Stadt steht, existiert im Raum. Während die elektronischen und hochtechnischen Medien immer Funktionen der Zeit, also dynamisch sind. Sie sind nur im Medienzustand, wenn sie einen Prozess erfüllen. Das Fernsehbild ist immer im Aufbau, der Computer muss jedes Bild „refreshen“. Diese Eigenschaften teilen sie mit den Klängen. Auch einen Ton muss sich in der Zeit entfalten. Es gibt also eine Wesenverwandschaft auf einer rein analytischen Ebene zwischen den hochtechnisierten Medien und dem Akustischen. Das führt zumindest zu einem privilegierten Verhältnis.

Die digitale Technik löst also nicht die analoge Technik ab. Es ändert sich eigentlich nur die Nutzung. Macht es überhaupt Sinn, eine Trennlinie zwischen diesen Begriffen zu ziehen?
Ich kann das noch auf einer anderen Ebene zuspitzen. Wenn wir das Analoge ganz genau betrachten, ist es eine fast metaphysische Erfindung. So analog wie wir denken, ist das Analoge gar nicht. Das Analoge als das Kontinuierliche, das Stetige – aus der Sicht der Quantenphysik gilt das nicht mehr. Je genauer wir hinschauen, sehen wir, dass die Natur Sprünge macht. Das was uns intuitiv als kontinuierlich erscheint, Töne oder der Wachstum einer Pflanze, ist wenn man genauer hinschaut sprunghaft. Deswegen sagen manche, das Universum ist ein Rechner, es rechnet in diskreten Schritten. Claude Shannon hat neben seiner großen mathematischen Informationstheorie, die für die Technik von Mobiltelefonie und Digitalkameras grundlegend ist, auf Harry Nyquist Überlegungen aufbauend, das Abtasttheorem formuliert: Wenn man ein analoges, bandbegrenztes Signal mit dem doppelten Wert der höchsten darin enthaltenen Frequenz abtastet, kann man das Signal verlustfrei rekonstruieren. Etwas Analoges wird digitalisiert, kann am Ende aber wieder im vollen Sinne analog ausgegeben werden. Das Digitale kann das Analoge also auf seinem eigenen Feld erfassen.

Viele meinen, das Analoge sei vor dem Digitalen da gewesen oder das Analoge sei etwas ganz anderes als das Digitale. Das ist auf vielen Ebenen aber mehr miteinan der verwoben. Es ist nicht dasselbe, es ist auf eine spannende Weise komplex.

Ganz am Anfang als sich die Idee entwickelte dieses Magazin zu machen, stand die Beobachtung, dass es viele Menschen gibt, die an bestimmten analogen Medien festhalten. Dabei geht es meist um gefühlte, nicht rational fassbare Qualitäten, die dem jeweiligen Medium zugeschrieben werden. Das klassische Beispiel ist das Liebhaberstück „Schallplatte“ von dem viele behaupten, es habe einen besseren Klang als digitale Equivalente. Ist das rein subjektive Nostalgie?
Die Frage haben wir uns auch in der hiesigen Medientheorie gestellt. Und wie geht Wissenschaft vor? Sie versucht es mit wissenschaftlichen Mitteln zu prüfen. Wir haben eine Experimentalanordnung gemacht. Wir wollten wissen, ob es ein Mythos ist, dass ein Klang aus einem Verstärker mit Elektronenröhren wärmer klingt als aus einem Transistorver-stärker. Für Musiker ist das eine ganz entscheidende Frage. Was man am Ende nachweisen kann, ist Folgendes: Für Ingenieure ist es ein Nachteil, dass die Elektronenröhren einen höheren Klirrfaktor haben. Für die frühen Rockmusiker war gerade dies spannend, da sich daraus eine leichte Verzerrung ergibt. In hohem Maße ist das ein subjektives Empfinden der Musiker, die brauchen die physische Präsenz des Elektronenröhrenverstärkers. Das ist eine andere Interaktion als mit dem zum Verschwinden kleinen Transistorverstärker, der nur noch fiktiv haptische Eigenschaften besitzt. Es ist also teilweise objektiv wahr, aber zum großen Teil auch nicht. Fast alles, was der Röhrenverstärker kann, kann der Transistorverstärker auch. Es ist also ein Mischung aus subjektiven Empfindungen und dem Klirrfaktor Argument.

Warum ist das für uns ein so großes Thema? Warum gibt es diese Skepsis, woher kommt die Verunsicherung?
Das Analoge steht im Direktkontakt mit der Welt. Während das Digitale eine absolute Abstraktion darstellt. Bei einer Digitalkamera fällt reales Licht auf den CCD-Chip. Das Licht wird in einen Spannungswert gewandelt, der nicht direkt weiterläuft, sondern in binäre Werte verwandelt wird. Diese sind rechenbar und pixelweise vollständig manipulierbar. Die erhaltenen Daten haben nicht mehr direkt etwas mit dem physikalischen Lichtereignis zu tun, sondern sind eine Abstraktion dessen. Darin liegt die ganze Macht des Digitalen. In gewisser Weise verlieren wir den Direktkontakt mit der Welt, sind dadurch verunsichert. Auf der anderen Seite ist die Technik extrem hoch optimiert. Sie kann uns die ganze Welt so perfekt vormachen, dass wir sie alltäglich gebrauchen. Wir wissen es ist künstlich, aber wir können es absolut natürlich verwenden. Ich erwähne da gerne Homers „Odyssee“. Odysseus kommt an einem Punkt in der Geschichte in die Versuchung, von Sirenen verführt zu werden. Maurice Blanchot, der französische Philosoph und Literaturwissenschaftler, hat das mal so formuliert: Das, was die Sirenen singen, klingt wie die schönste menschliche Stimme. Deswegen sind sie so verführerisch. Gleichzeitig weiß man: Das sind Monster, das sind künstliche Wesen. Unsere Sinne behandeln das Erklingen einer bestimmten Stimmfrequenz wie gegenwärtig. Das hat einen unglaublich Präsenz erzeugenden Effekt. Das ist gerade die Macht von Tonträgern. Solange das nur aufgeschrieben ist, auf Buchstaben- oder Notenebene, ist das harmlos. Aber wir glauben wirklich da erklingt die Stimme, auch wenn die Person, deren Stimme wir vernehmen, schon lange tot ist. Das sind fundamentale Irritationen. Vorher war klar, was tot, was lebendig oder was Vergangenheit, was Gegenwart ist. Jetzt wird diese Gewissheit von Medien unterlaufen.

Kann das auch daran liegen, dass man verstehen möchte, wie bestimmte Dinge funktionieren?
Dies liegt ja bei digitalen Medien  nicht mehr so offen. Ja, daher ist es wichtig, die verborgenen Prozesse offenzulegen. Man muss gerade jetzt in der digitalen Kultur klarmachen, was die Logiken, die Programme, die Algorithmen sind. Um kritisch eingreifen zu können, muss man wissen, was da läuft. Vorher konnte man basteln, das war noch ganz haptisch. Jetzt müssen sie sich auf die logische Ebene einlassen, jetzt müssen sie programmieren. Dann können sie das Medium auch kritisieren.

BENJAMIN REVISITED

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Das Kunstwerk im Zeitalter der digitalen Medien von Dr. Martina Sauer

Technische Neuerungen revolutionieren nicht nur unseren Alltag, sie verändern auch die Bedingungen der Möglichkeiten für Kunst. Als Walter Benjamin im ersten Viertel des letzten Jahrhunderts seinen Beitrag zum Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit veröffentlichte, waren es insbesondere die Fotografie und der Film, die für ihn zum Auslöser wurden, neu über Kunst nachzudenken. Heute sind es die digitalen Medien. (Vgl. zu Benjamins Aufsatz die hier zitierte Ausgabe, Frankfurt a.M., (1936) 1977 und eigene Forschungen dazu in Zeitschrift für Ästhetik und Allg. Kunstwissenschaft 02/2006; vgl. weiterführend zur Frage nach Benjamins Stellung als Leitfigur der Medienwissenschaften u.a. die Anthologien: Harald Hillgärtner, Thomas Küpper (Hg.): Medien und Ästhetik. Festschrift für Burkhardt Lindner. Bielefeld 2003; und Christian Schulte (Hg.): Walter Benjamins Medientheorie. Konstanz 2005) Es sei, nach Benjamin, insbesondere die Echtheit eines Werkes, die mit ihrer Reproduzierbarkeit infrage gestellt werde. Hierin gründe jedoch die Autorität der Kunst. So vermittle sich über die materielle Dauer geschichtliche Zeugenschaft. Insofern führe der Verlust der Originalität des Werkes bzw. das Verkümmern von dessen Aura zu einer “Liquidierung des Traditionswertes am Kulturerbe”. (14) Benjamin selbst hat diese Entwicklung begrüßt, da sie zur Überwindung der tradierten Strukturen führe und statt der Orientierung am Einmaligen und Dauernden sich mit der Flüchtigkeit und Wiederholbarkeit in ihr der “Sinn für das Gleichartige in der Welt” bekunde. (16) Doch wie sehen wir das heute? Hat das Werk eines Künstlers mit seiner technischen Reproduzierbarkeit bzw. der Tatsache, dass es womöglich ausschließlich als ein flüchtiges, wegklickbares existiert noch den Status eines Kunstwerks? Worin liegt der Wert eines Kunstwerks, wenn nicht in seiner Aura?

Für Benjamin ist die Beantwortung der Frage eindeutig. Statt einer Orientierung am Tradierten verliere die Kunst zwar auf immer den Schein der Autonomie (des Originalen und Einmaligen) und damit ihre Aura, sie erhalte jedoch einen neuen “Gebrauchswert”, dieser liege statt in der Fundierung aufs Ritual in der auf Politik. So verändere sich mit den technischen Reproduktionsmöglichkeiten ihre Funktion. Insofern können die Werke weiterhin als solche der Kunst angesehen werden. (16-22). Nicht der Kunstcharakter habe sich verändert, sondern ihre Wahrnehmungsweise. Anlass dafür, diesen Wandel zu erkennen, geben die Reproduktionsmöglichkeiten, deren erste Ansätze sich weit in die Geschichte der Kunst zurückverfolgen lassen. Mit dem Tafelbild im Gegensatz zum Mosaik und Fresko oder der Portraitbüste im Gegensatz zur Götterstatue lassen sich die Werke an anderen Orten und vor einem größeren Publikum ausstellen. Statt dem Kultwert des Kunstwerks gewinne dessen Ausstellungswert an zunehmender Bedeutung. (20) Doch auch dann bleibe das Werk an die kultische Funktion gebunden. “Nur” dasjenige, auf was sich das kultische Ritual bezieht, habe sich verändert: Statt eines magischen dann eines religiösen Zusammenhangs (16) seien es das Authentische des Werks und der Künstler (17, Anm. 8 ) bzw. der Filmstar (28) und schließlich der Mensch selbst und sein technisches Vermögen (Faschismus). (42-44) Erst die Reproduzierbarkeit, deren fortschrittlichste Ausformung Benjamin im Film ausmacht, ermögliche, das mit den Werken Tradierte zu überwinden und sich entsprechend “zum ersten Mal in der Weltgeschichte von seinem parasitären Dasein am Ritual” zu emanzipieren. (17) Hier könne das Publikum die Haltung eines Begutachters einnehmen. Indem kein persönlicher Kontakt mit dem Darsteller im Film hergestellt werde, fühle sich das Publikum in den Apparat ein: “Es übernimmt dessen Haltung: es testet. Das ist keine Haltung, der Kultwerte ausgesetzt werden können.” (24)

Unabhängig davon, dass dieses dem Film zugeschriebene Leistungsvermögen so von der heutigen Forschung nicht bestätigt werden kann (vgl. u.a. Andreas Hetzel, Ästhetische Welterschließung bei Oswald Spengler und Walter Benjamin, in: Sic et Non – Online Zeitschrift für Philosophie und Kultur, www.sicetnon.org/content/pdf/aesthetische_welterschliessung_hetzel.pdf, 2005, S. 252 ff.), macht Benjamin mit seiner Unterscheidung der Wahrnehmungsweisen auf einen wesentlichen Aspekt aufmerksam, der grundsätzlich die Wahrnehmung betrifft, insbesondere die von Kunst. Demnach veranlasse die Fundierung der Kunst auf Ritual und Kult, dass keine kritische Haltung gegenüber dem mit dem Werk Repräsentierten eingenommen werden könne. Benjamin sieht daher die Notwendigkeit eines Bruches mit dieser Funktionsweise. Bereits Werke der Kunst, wie die des DADA leisten dies, indem sie öffentlich Ärgernis erregen. Insbesondere der Film werde jedoch der Aufgabe gerecht, die Massen anzusprechen und ermögliche eine kritische Haltung einzunehmen. Die völlig neue Gesetzlichkeit, der sprunghafte Wechsel der Einstellungen und Schauplätze, die Großaufnahme und die Zeitlupe, etc. lassen von der Welt mittels der Apparatur Optisch-Unbewusstes wahrnehmbar werden. (35-36) Hierauf beruhe die “Chockwirkung des Films, die wie jede Chockwirkung durch gesteigerte Geistesgegenwart aufgefangen werden will.” (36-39, hier S. 39) Das “beiläufigen Bemerken”, zu dem die Wahrnehmung des Flüchtigen, Reproduzierten (insbesondere der Film) veranlasst, ermögliche über das Zerstreuende und die Gewöhnung hinaus, insofern eine Examination, auch wenn sie Aufmerksamkeit nicht einschließe. Der Wandel der Wahrnehmungsweisen, wie sie die Reproduktionstechniken auslösen, lässt sich mit Benjamin vor diesem Hintergrund als einer beschreiben, der von einer affirmativen, sich in das Werk versenkenden kontemplativen Wahrnehmungshaltung ausgeht, in der der Betrachter sich sammelt und in dessen Rahmen er eine Stellungnahme abgibt (21, 38), hin zu einer zerstreuten, auf Gewohnheit beruhenden und dennoch kritisch wirksamen Rezeptionshaltung. (41) Wesentlich wird bei dieser Unterscheidung, dass durch die Zerstreuung und das zugleich Kontrollierende der Fokus auf das Einmalige und Tradierte, die Aura verlore gehe, so dass sich der Einzelne von deren Vorgaben befreien könne.

Doch genau genommen vermag der Film, wie zuvor herausgestellt, ebenso wie weiterführend die digitalen Medien, trotz ihrer anfänglich ungewohnten und daher irritierenden Wirkung, diese kritische Haltung nicht zu erzeugen. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass die Aura, welche Form diese dann auch immer angenommen hat, immer erhalten bleibt. Sie geht eben nicht verloren und wird auch nicht zertrümmert. So belege das zweifelhafte Weiterleben der Aura in den Inszenierungstechniken der Naziherrschaft, wie Horst Bredekamp herausstellt, dass die Aura mit der technischen Reproduzierbarkeit nicht verschwinden muss, sondern im Gegenteil, massenhaft hergestellt werden könne. (in: Der simulierte Benjamin. Mittelalterliche Bemerkungen zu seiner Aktualität, in: Frankfurter Schule und Kunstgeschichte, Berlin 1992, S. 125 ff.) Vergleichbar kritisch sehen auch Franz Dröge und Michael Müller diese Aussage. Sie weisen darauf hin, dass wenn Benjamins Annahme stimme, und die Reproduktionstechniken eine kritische Haltung ermöglichen, dass dann mit Bezug auf die Rezeptionsweisen die für die Massen charakteristische Wahrnehmung nicht nur zerstreut, sondern auch zugleich rational testend sein müsse. Eine Haltung, die so weder von den Faschisten gewollt noch von den Rezipienten eingenommen wurde. (in: Die Macht der Schönheit, Avantgarde und Faschismus oder die Geburt der Massenkultur, Hamburg 1995, S. 55 ff.) Die allgemeine Sogwirkung des Films und der Neuen Medien scheint dies zu bestätigen. Wobei wir die kultische Dimension der Werke heute mit Benjamin wohl weniger in einem magischen oder religiösen Zusammenhang ausmachen können – obwohl die Werke in der Fundierung auf das Ritual diese Form, wenn auch nicht den Inhalt, annehmen – sondern in der Authentizität, dem Star, der alternativen virtuellen Welt oder anderen Ersatzformen. Die jüngsten anthropologisch fundierten Forschungen von Hartmut Böhme zu Fetischismus und Kultur betätigen diese Annahme indirekt. (in: Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne, Hamburg 2006. sowie ergänzend die Rezension von mir dazu, in der Kunstchronik (07/2007) und in: www.archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/volltexte/2009/948/pdf/Sauer_Hartmut_Boehme_2007.pdf) Weiterführend zeugt nach Benjamin dieses, dem kultisch-rituellen verpflichtete Wahrnehmungsverhalten, das in seiner unkritischen Haltung auf Genuss aus ist, von einer Selbstentfremdung des Menschen, die schließlich, wie er abschließend mit Bezug auf die Kriegsverherrlichung seiner Zeit herausstellt ” ihre eigene Vernichtung als ästhetischen Genuss ersten Ranges erleben lässt.” (44)

Entkommen lässt sich diesem letztlich selbstzerstörerischen und, nach Benjamin, asozialen Verhalten (38), jedoch weniger mit Hilfe des Kunstwerks und seinen Möglichkeiten technischer Reproduzierbarkeit als den Brüchen, die dieses bewusst mit dem eigenen, affirmativ geprägten Wahrnehmungsverhalten provozieren kann. Eine Möglichkeit, die so wohl kaum von am Verkauf orientierter Werbung oder politischer-ideologisch ausgerichteter Propaganda gesucht wird. Insofern liegt mit Bezug auf die Ausgangsfrage der Wert eines Kunstwerks, in der Weiterführung der Gedanken Benjamins, in der Möglichkeit sowohl das eigene Wahrnehmungsverhalten als auch die von ihm unkritisch bestätigten Werte (die Aura) zu hinterfragen. (Vgl. weiterführend eigene jüngere Forschungen: Anselm Kiefer, Deutschlandbilder. Orte kultureller Wertebildungen, erscheint demnächst) Eine Herausforderung, die sich mit den je neuen technischen Möglichkeiten, so auch den digitalen, immer wieder neu und anders stellt.

ICH LESE ZUR ZEIT EIN BUCH OHNE SEITEN

Written by . Filed under 04 Ich lese zur Zeit ein Buch ohne Seiten. No comments.

1953 beschrieb McLuhan in seinem Aufsatz „Kultur ohne Schrift“ das Abrücken von einer abstrakteren Buch- zu Gunsten einer hochgradig sinnlichen, plastisch-bildlichen Kultur. Heute, 57 Jahre später, wird die Kultur von audio-visuellen Medien dominiert. Welchen Veränderungen sieht sich die Buchbranche ausgesetzt? Wie beeinflusst das die Literatur? Wir trafen Lutz Dursthoff, den Cheflektor des Verlags Kiepenheuer & Witsch, zu einem Gespräch.

ann bist du zum ersten Mal mit einem E-Book in Berührung gekommen? Wie hat „Kiepenheuer & Witsch“ auf die Einführung von E-Books reagiert?
Mitte der 90er Jahre gab es schon erste Vorläufer, die aber nie eine Rolle gespielt ha-ben. 1998 wurde das „Rocket E-Book“ vorgestellt. Da dachten viele in der Branche: Jetzt kommt´s! Innerhalb eines Jahres war es aber wieder vollkommen verschwunden.Erklärt wurde das mit der unausgereiften Technologie. Das „Rocket E-Book“ hatte einen Bildschirm mit Hintergrundbeleuchtung und war sehr schwer, was das Lesen auf diesem Gerät sehr unkomfortabel machte. Vor zwei Jahren kamen dann die neuen E-Book-Reader: Sony, Kindl usw., die alle auf der E-Ink Technologie beruhen. Diese haben den Vorteil, dass man mit ihnen ermüdungsfreier lesen kann – eigentlich genau wie mit einem Buch. Erstaunlicherweise scheint sich mit dem iPhone und sicherlich auch bald mit dem iPad, der traditionelle Bildschirm wieder durchzusetzen. Wir im Verlag bieten E-Books für die genannten Reader und iPhone Apps an, wobei sich Letztere viel besser verkaufen als die  traditionellen E-Books.

Verändert sich die Produktion eines Buches mit dem Blick auf das Format bzw. das Medium, in dem es erscheint? Wie stellt Ihr euch auf die technischen Eigenheiten der E-Books ein?
Das beginnt gerade erst. Was bisher passiert ist, dass die Texte eins zu eins in die verschiedenen E-Book Formate übersetzt werden. Es gibt das offene Format „EPUB“ und die speziellen Formate für den Kindl und für das iPhone. Bei uns sind die ersten E-Books im Oktober erschienen. Inzwischen haben wir 120 bis 140 E-Books und ca. 40 iPhone Apps im Angebot, es kommen aber ständig neue hinzu.

In Japan zum Beispiel gibt es Kurzromane für Handys, die aus vorhandenen Geschichten destilliert oder auch extra dafür geschrieben werden. Gibt es neue literarische Konzepte, die sich den Gegebenheiten neuer Medien anpassen?
Das ist etwas, was wir ganz dringend überle-gen müssen. Ich hatte angeregt, einen Lyrikband anzubieten. Das ist, glaube ich, attraktiv, da ein Gedicht eine Aufmerksamkeitsspanne fordert, die man auf jedem Lesegerät aufbringen kann. Das Bezahlmodell wäre noch zu überlegen. 99 Cent pro Gedicht oder besser ein App, bei dem man einen Festbetrag bezahlt und dafür regelmäßig Gedichte im Abo bekommt. Eine andere Möglichkeit ist der Fortsetzungsroman, den es schon seit dem 19. Jahrhundert gibt. Viele klassische Bücher wurden so von Woche zu Woche geschrieben. Man könnte hierbei, wie es übrigens auch damals üblich war, Leserreaktionen mit einbeziehen. Dies hat eine Tradition, wäre also eher ein Rückgriff als eine wirkliche Innovation.

Einen Austausch zwischen Autor und Leser aufzubauen, würde ja unabhängig von dem historischen Vorbild, eine grundlegende Eigenschaft der neuen Medien aufgreifen. Sind abgesehen von den literarischen Gattungen, die aufgrund ihrer Kürze in das Format passsen, Veränderungen im direkten, kreativen Prozess des Schreibens denkbar? Beispielsweise die Integration weiterer Medien in den Text?
Das ist ja ein bischen wie Stochern im Nebel. Was will der Leser überhaupt? Dazu gibt es zwei Grundtheorien. Die eine ist, der Leser will sich auf einen Text konzentrieren. Er liest Bücher, weil er gerade nicht Multimedia haben will. Er will Kopfkino machen, er will sich selber vorstellen wie Anna Karenina aussieht. Sonst käme es zu der typischen Enttäuschung, die Romanleser haben, wenn sie die Verfilmungen sehen. Der braucht den bilderlosen Text – unbedingt! Töne und Musik könnte ich mir vorstellen. Bei Bildern bin ich bei dem klassischen Buchleser skeptisch. Das andere ist der moderne, abgelenkte, nicht so kontemplative Leser, der mit dem Medienmix aufgewachsen ist. Dem müsste man dann auf Augenhöhe der modernen Medien die Bücher präsentieren. Wahrscheinlich hängt es vom Alter, Lesertypus und auch vom Buchtypus ab, was man macht. Bei einem Poproman, da gehört vielleicht gerade die Störung und das Interferieren dazu.

Passend wäre so etwas bei Nick Hornbey´s „High Fidelity“.
Ja, oder Stuckrad Barres „Soloalbum“, der den einzelnen Kapiteln Oasis Zitate vorangestellt hatte. Klar, da würde das total passen.

Gibt es denn schon Beispiele, die in diese Richtung gehen?
Vorweg: Es gibt in der Branche die Verabredung, dass ein E-Book nicht weniger kosten darf, als die günstigste, auf dem Markt erhältliche Ausgabe eines Buches. Das ist in der Regel die Taschenbuchausgabe. Wir haben jetzt das E-Book und App zu Frank Schätzings großen Bestseller des letzten Jahres gemacht. „Limit“ ist bisher nur in der Hardcoverausgabe erschienen, die aufgrund des großen Umfangs auf dem Markt 26 Euro kostet. Da uns der Preis für ein E-Book als zu hoch erschien, haben wir uns für die Produktion eines so genanntes „Enhanced E-Book“ entschieden. Der Text wird mit Zeichnungen des Autors, einer weiterführenden Leseliste, Figurenkonstellationen usw. angereichert. Beim App gibt es die Möglichkeit, Bewegtbilder wie ein Interview mit dem Autor und den Buchtrailer hinzu zu geben. Es ist seit ein paar Tagen draußen und verkauft sich blendend.

Sind diese Zusätze wichtig für den Verkauf? Wo vermutest du die Motive der Käufer?
Ich vermute, dass die angesprochenen Extras gar nicht eine so große Rolle spielen. Viele kaufen, weil es neu ist, gerade wenn wir jetzt vom iPhone reden. Ein weiterer Grund könnte sein, dass das gedruckte Buch sehr schwer und unhandlich ist. Dagegen kann so ein leichter Reader seine Vorteile ausspielen. Ich glaube es gibt inzwischen auch viele Doppelkäufe. Dies behauptet zumindest auch Amazon, die ja den Verkauf beider Medien überblicken.

Für diese Käufer wäre es vorteilhaft, wenn den gedruckten Büchern direkt ein Downloadcode beiliegen würde.
Das haben wir bereits diskutiert. Ich halte das für sinnvoll. Das deutsche Preisbildungsgesetz verbietet momentan den Verkauf von Beigaben. Nach den heutigen Preisbildungsregeln müsste man das „bundle“ für den doppelten Preis verkaufen. Da muss die Branche sich etwas überlegen. Ich glaube persönlich nicht, dass man bei diesen strikten Preisgrenzen für das E-Book bleiben kann.

Was macht für den Leser den Haupt-unterschied zwischen gedrucktem Buch und E-Book?
Haptik ist ja immer das entscheidende Argument der Verfechter des Holzbuches: „Man will es in der Hand halten, man will das riechen können – das ist durch nichts zu ersetzen!“ Ich glaube das nicht so richtig, nicht für den ganzen Markt. Ich bin überzeugt davon, dass sich das E-Book in zwei Bereichen ziemlich schnell durchsetzen wird. Das eine ist der Bereich der Wissenschafts- und Studienliteratur, das zweite ist der Unterhaltungsliteraturbereich. Ich behaupte, dass die Aura des Buches bei dem billigen Paperback Krimi nicht wirklich eine Rolle spielt. Das liest man am Strand, lässt es dann am Urlaubsort oder schmeisst es weg.

Demnach prognostizierst du dem E-Book eine rosige Zukunft.
Ich glaube, da ist noch viel Entwicklung möglich, es wird ein größeres Stück vom Kuchen ausmachen. Ich glaube aber auch, dass das traditionelle Buch noch recht lange, vielleicht für im-mer, soweit man für immer sagen kann, erhalten bleiben wird. Es wird beides geben.

Heißt das, dass für die Bücher, die diese besondere Aura, von der du vorher gesprochen hast, beibehalten sollen, mehr investiert wird in Gestaltung, mehr investiert wird in Produktion? Wird sich das Sortiment dann spalten in Luxusartikel und Gebrauchstext?

Genau. Letztlich zeigt ein Buch des letzten Jahres, „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace, diese Richtung.  Das ist ein Buch mit Objektcharakter – gut gestaltet, 1600 Seiten, geradezu blockartig. Da wird betont wie groß, schwergewichtig und trotzdem attraktiv das Werk ist. Das fällt auf. Das stellt man sich gerne ins Regal, das hat man gerne in der Hand, das riecht man möglicherweise auch gerne. Wir werden also zum einen in den Aufbau einer E-Book Produktionskultur investieren und auf der anderen Seite noch mehr für die Buchausstattung tun müssen. Man kann das ja jetzt schon sehen. Ganze Bereiche, die bislang traditionelle Buchkultur waren, sind weggewandert, zum Beispiel Nachschlagewerke. Es kauft sich ja keiner mehr einen Brockhaus. Der Markt ist komplett weg. Das gilt auch für ganz viele medizinische Nachschlagewerke und Ratgeberliteratur. Da sind die Internetforen von Betroffenen viel wertvoller als das, was man als Bücher produzieren könnte. Wir sehen das bei „Bittere Pillen“, auch eines dieser Nachschlagewerke. Das haben wir 30 Jahre sehr sehr erfolgreich auf dem Markt gehabt. Jetzt gibt es eine Internetseite, eine Plattform und in wenigen Tagen startet das entsprech-ende iPhone App. Hierfür finde ich das ideal. Um Kunden zu generieren ist ein Drittel der Inhalte umsonst. Für 7,99 Euro, glaube ich, kann man dann auf die Vollversion updaten.

Damit sprichst du die Preisgestaltung an, die sich im Vertrieb von Onlineprodukten auch anderen Gegebenheiten stellen muss. Ein Problem, mit dem sich der Literaturbetrieb mit zunehmender Akzeptanz der E-Books konfrontiert sehen wird, ist das Filesharing im Internet. Gibt es Ideen und Konzepte mit dieser Art der Urheberrechtsverletzung umzugehen? Könnt ihr von den Erfahrungen der Musik- und Filmindustrie profitieren?
Wir haben eins immer besser gemacht als die Musikindustrie: Wir haben sofort reagiert! Die Musikindustrie hat ungefähr 10 Jahre gebraucht, bevor sie mit eigenen Angeboten auf Filesharing reagiert hat. Wir bieten von Beginn an vernünftige Bezahlmodelle an. Zweitens vermuten wir, halb ironisch, dass Buchkäufer ehrlichere Menschen sind als Musikkäufer. Drittens können wir das Kopieren nicht wirklich unterbinden. Viertens sind das, was viele kritisieren, nämlich diese proprietären Plattformen wie Apple usw. Nebenfirmen. Deren Format ist nur dort zu kriegen, dort gibt es kein Filesharing. Wenn es Google gibt und Amazon und Apple, ist das zwar ein Oligopol, aber gleichwohl könnte es sein, dass man dadurch die Probleme des illegalen Kopierens vermeidet.

Es gibt das Beispiel von Paolo Coelho, der seine Werke auf seinem eigenen Blog frei zum Download anbietet. Die Erfolge seiner Bücher soll das angekurbelt haben. Die Leute lesen sich die Texte durch, entscheiden sich dann aber doch dafür, das Buch besitzen zu wollen.
Das Wichtigste ist überhaupt Aufmerksamkeit zu kriegen. In Deutschland erscheinen 120.000 Bücher pro Jahr. Die Leute müssen also erstmal erfahren, dass es das Buch gibt und, dass es attraktiv ist. Da ist so etwas natürlich ein guter Weg, Leser zu bekommen. Und es gibt immer noch genügend Menschen, die das gedruckte Buch kaufen – trotz kostenlosen Angeboten.

Das bringt mich zu einer anderen Sache, die mich momentan umtreibt. Das große Geschäft im Internet ist die Werbung. Google macht 95% ihrer Umsätze mit Werbung. Nun sind sie ernsthaft mit der Anfrage an die Buchindustrie herangetreten, kontextsen-sitive Werbung in Büchern zu machen. Auf diese zurückhaltende Google Art. Also keine Ballerwerbung. Im Buch taucht ein Auto auf und dann kommt nebenbei eine Mercedeswerbung. Das widerstrebt mir – sehr! Das gefährdet die Aura wirklich. Man kann das auf einer Webseite akzeptieren, auf der man ohnehin nicht so fokussiert liest und es ein Wahrnehmen von verschiedenen Inhalten gibt. Beim Buch widerstrebt es mir ungeheuer. Gleichwohl fürchte ich, dass es sich aufgrund der Marktmacht von Google und des Wunsches der Verlage sowie der von ihnen vertretenen Autoren, durchsetzt. Vor ein paar Jahren gab es auch schon Romane, die Product Placement gemacht haben. Der nächste Schritt ist dann, dass sich der Inhalt der Werbung anpasst – das finde ich eine etwas gruselige Vorstellung.

Wenn dies zur gängigen Praxis werden würde, wären letztendlich alle Bücher umsonst zu beziehen. Das wäre das Ziel von Google. Google hat ja das Ziel traditionelle Märkte zu nehmen und diese zu zerstören, um sie übernehmen zu können. Digitale Kartografie war ein Markt, mit dem man viel Geld verdienen konnte. Seit dem es Google Maps gibt, ist dieser Markt komplett zusammengebrochen, weil sie die Leistungen umsonst rausgeben. Und das könnten sie mit Bücherngenauso machen. Deren Weltmachtfantasie ist wahrscheinlich: „Wir sind selber Publisher“.

Wenn du diese Entwicklung voraussiehst, stellt sich die Frage Google zuvorzukommen, um als Verlag bestehen zu bleiben?
Das Gute ist, dass Google nicht allein auf der Welt ist. Neben der offenen Welt des Buchhandels und der offenen Welt des Internets gibt es eben auch Apple und Amazon. Im Kampf gegen die absolute Marktdominanz von Google sind die anderen Beiden dann wieder Verbündete. Und man muss nicht alles akzeptieren. Man kann auch branchenübergreifend sagen: Werbung wollen wir nicht in Büchern.

Gibt es eine Landesgrenzen übergreifende Vereinigung der Verlage, in der man solche Abmachungen treffen könnte?
Es gibt in Deutschland den Börsenverein des deutschen Buchhandels. Da kommt man zu Übereinkünften. Auf europäischer Ebene gibt es so etwas nicht und weltweit schon gar nicht.

Wäre so etwas nicht sinnvoll?
Genauso sinnvoll wie eine Weltregierung, die wir auch nicht haben. Ernsthaft: Ja! Das wäre sehr sinnvoll. Gerade unter den neue Gegebenheiten. Google usw. operieren weltweit und
wir sind immer in diese Nationalgrenzen eingesperrt.

Google hat 2004 damit begonnen Bücher amerikanischer Bibliotheken zu scannen und diese in digitalisierter Form der Volltextsuche zugänglich zu machen. Nach inoffiziellen Angaben wurden bereits mehr als zwölf Millionen Bücher eingescannt. Wie reagiert ihr auf Google Books? Ich habe zum Beispiel Heinrich Böll, einen eurer „Vorzeige-Autoren“, dort gefunden.
Also, ich finde es ein Frechheit, dass Google das gemacht hat. Aber sie haben es einfach gemacht. Es gab eine Klage der Autoren und Verlagsvereinigung in den USA. Darauf-hin hat Google ein so genanntes „booksettlement“ angeboten: „Ihr könnt einem Vergleich beitreten, dann bekommt ihr pro Buch 60 Dollar in die Hand und später, bei kommerzieller Nutzung, würden wir 65% der Einnahmen abgeben.“ Das ist von den Konditionen gar nicht so unattraktiv, aber trotzdem eine Sauerei, da man selber aktiv werden muss. Angeblich sagen interne Unterlagen von Google, dass sie damit rechnen, dass sich höchstens 10% aller Rechteinhaber weltweit melden. Das heißt über 90% könnten sie sowieso frei verfügen. Dieser Vergleich ist aber noch nicht angenommen worden. Der Prozess soll weitergehen in diesem Jahr. Es ist letzendlich eine zumindest partielle Enteignung von Urheberrechten, die da stattgefunden hat oder stattfinden wird.

Noch eine persönliche Frage: Kannst du dir vorstellen eine Wohnung zu haben, in der statt voller Bücherregale nur ein kleines Tablet die Wand schmückt?
Ich habe vor kurzem meine Wohnung renoviert und im Zuge dessen alle Bücher neu sortiert. Da ist viel Wehmut dabei. Aber gleichzeitig bin ich auf so viele Bücher von Autoren gestoßen, die mir heute gar nicht mehr wichtig sind. Sie nehmen einen physischen Platz ein, der gar nicht meinen Erinnerungen entspricht. Muss ich das dann alles an meiner Wand dokumentieren? Ich empfinde das auch als Balast. Dann bin ich lieber Zeitgenosse und freue mich auf die zweite Generation des iPads.

Denkst du nicht, dass die eigene Geschichte Gegenstände braucht, die auch bestimmte Erinnerungen verkörpern?
Das große Romanwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust beginnt mit dem Genuss einer Madeleine, also eines kleinen Gebäcks. Er hat den Geschmack im Mund und in dem Moment kommt die Erinnerung. Also, irgendeinen Trigger braucht die Erinnerung schon, und das kann natürlich auch der Geruch eines Buches oder die Handschrift der Freundin von damals sein, aber es geht auch auf digitale Weise.

Wir haben über die möglichen Zusätze in E-Books, sich ändernde Vertriebswege und Bezahlmodelle sowie verschiedene Lesetypen gesprochen. Was passiert mit der Bedeutung von Literatur? Wird sich der literarische Einfluss auf die Kultur verändern?
Ich glaube, dass diese abgeschlossene Textwelt erhalten bleiben wird. Und auch unbedingt erhalten bleiben sollte, weil damit eine bestimmte Erkenntnisleistung verbunden ist. Wenn man sich längere Zeit in einen literarischen Text vertieft, bekommt man aufgrund der Arbeit, die parallel beim Lesen abläuft, einen anderen Zugang als über sonstige Medien. Damit meine ich nicht nur diesen inneren Film, sondern die innere Gedankenarbeit. Das ist nur mit dem literarischen Buch zu haben, auf keine andere Weise. Das kann kein Multimedia ersetzen. Vielleicht ist es gerade das, was gefährdet ist! Das Buch ist nicht gefährdet, das Buch kann auch alles mögliche andere sein.

Ganz viel, was uns erscheint, heißt literarisch, ist in Wirklichkeit aber auch nur gehobene Unterhaltung. Dort laufen die beschriebenen Prozesse nicht ab. Aber es gibt diesen Leseprozess, der produktiv ist. Im Unterschied zu allen anderen Leseprozessen, die flüchtig sind, die informativ sind. Man spricht auch von einem Buch, das einen „verändert“. Dieser Bereich ist gefährdet, er schrumpft. Ich glaube, dass es viele Menschen gibt, die diese Erfahr-ung nie gemacht haben. Was passiert dadurch mit der Kultur? Wie wichtig ist das für sich entwickelnde Persönlichkeiten, für Leute die selber kreativ sind?

GESCHICHTEN, DIE DAS DING SCHRIEB

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Das Ding ist in diesem Fall die Maschine, das Gerät oder die Daten. Der eine oder andere kennt das sicherlich noch, das Lieblingsmixtape. Welches man wie einen Schatz hütet und so oft hört, bis das Band leiert. Oder jene Momente, in denen man in stundenlanger, akribischer Arbeit versucht ein Mixtape für Freunde oder die/den Geliebten aufzunehmen. Erinnerungen, die scheinbar mit der besagten Kassette zusammenhängen. Gibt es Erinnerungen, die wir nicht mit einer Person, einer Situation oder einem Ereignis verknüpfen, sondern eher mit einem Medium, welches wir  alltäglich nutzen? Ist das auch möglich, wenn das Medium Körperlos ist? Darüber sollen uns diese kleinen Geschichten Auskunft geben.

Sag es durch die Simse
In den letzten Jahren auf dem Gymnasium habe ich eine sehr gute Freundschaft zu Dulce entwickelt. Damals waren wir 17 und sie war sehr verliebt.

Eines Tages sind wir Kaffee trinken gegangen und sie hat mir ihre Liebe zu ihrem neuen Freund gestanden. Ich erinnere mich, wie wir über Gefühle sprachen, über Paare, darüber wie schwierig es ist jemanden zu sagen, wie gern man ihn hat. In diesem Moment leuchtete ihr Mobiltelefon auf, ein großes Gerät mit unendlicher Antenne und grünem Bildschirm. Es klingelte kurz.

„Du hast auch ein Handy? Seit wann?“, fragte ich, während sie es entsperrte,  auf den grünen Bildschirm starrte und die SMS las. Danach hielt sie mir strahlend das Handy vors Gesicht. „Ich liebe Dich“, stand darauf.

Ich lächelte, obwohl ich es in diesem Moment nicht so lustig fand. Wir hatten gerade über Gefühle, Liebe und Wahrheit gesprochen. Ich konnte nicht verstehen, wie man so eine große Offenbarung durch ein Gerät sagen konnte. Wie kann so etwas schöne durch so eine kühle SMS ausgedrückt werden?

Wenn ich mich heutzutage daran erinnere und daran was ich in den letzten Monaten alles per SMS gesagt habe, finde ich es doch lustig.

Von Null auf Unendlich
Mein erstes Handy war groooß, dafür war seine Speicherkapazität aber mickrig: Es passten jeweils 10 Eingangs- und 10 Ausgangs-SMS drauf. Ich fand es Schade, all diese „Mini-Texte“ löschen zu müssen, haben meine Freunde doch viel ihrer Zeit und Fingerfertigkeit  dafür genutzt, mir all diese Nachrichten zu schreiben.

Unentschlossen, weil ich nicht wußte, welche SMS ich nun behalten oder löschen sollte, beschloß ich mir ein Notizbuch zu kaufen, um mir all diese Kurznachrichten bewahren zu können.

Akribisch sortierte ich diese erstmal nach Datum, dann Uhrzeit, Namen der Person, die mir die SMS geschickt hatte und letztendlich den „Text“ an sich.  Manchmal kopierte ich sogar die Nachrichten ins Buch, die ich selbst verfasst hatte. Ich durfte ja den Faden nicht verlieren.

Nachrichten, wie „um 18:00 Uhr“ habe ich natürlich gelöscht. Denen mangelte es zu sehr an Sinn und Inhalt, erzählten ausserdem nichts persönliches.

Diese flüchtigen Informationen mussten gerettet werden. Gerettet von diesem „Nichts“, dass diese Satellitenwellen sind und in etwas Fassbares ins Notizbuch übertragen werden.

Heute besitze ich ein Handy, in das unendliche viele Nachrichten passen und wenn ich sie löschen muss, dann lösche ich.

Auf Technik ist verlass
Die Semesterferien stehen an. Reisen ist der Plan – und Fotos machen.  Ja, beides. Nein, am besten Freunde besuchen, die gerade nach Saarbrücken gezogen sind. Dann auf nach Paris, meinen Onkel besuchen und dabei die Gelegenheit nutzen, um eine Fotostrecke von der Pariser Metro machen, ich liebe die pariser Metro. Gut, der Plan steht jetzt muss ich nur noch organisieren und so schnell wie möglichst weg hier. Wie schön ,dass es heute das Internet gibt. Alles läßt sich in einem Rutsch erledigen. Mitfahrgelegenheit nach Saarbrücken, check! Bahnticket von Saarbrücken nach Paris, check! Flug von Paris nach Berlin, check! Alles gut. Hmm, was für eine Kamera nehme ich mit? Eine Digi, eine Analog besitze ich nicht und…ja, genau wenn ich ja schon dabei bin kann ich mir noch schnell eine neue Kamera besorgen. Was kleines feines zum spielen und experimentieren, hmm welche nehmen wir denn da? Warum ich mich genau in diesem Moment für eine Lomo entschieden habe, ist mir im Nachhinein schleierhaft. Jedenfalls habe ich mich im Online-Shoppinrausch so sehr hineingesteigert, dass ich letztendlich auf ebay gelandet bin, um mir die Kamera zu ersteigern. Angebote verglichen, geprüft, ob meine Kamera auch rechtzeitig ankommt, bevor ich mich auf den Weg mache.

Nach knapp einer Woche war es denn soweit. Alles eingetütet und die Kamera ist auch rechtzeitig ankommen. Es kann los gehen. Saarbrücken war nicht spannend, dafür habe ich meine Freunde gesehen und konnte schon mal die Lomo antesten. Dann Paris. Fast eine Woche habe ich unter der Erde verbracht. Bin Station für Station abgefahren, mache Fotos, abwechseld mit Digital- und Lomokamera. Nehme kleine Clips auf. Zum meinem Glück gab es auch gerade einen Streik der öffentlichen Verkerhsbetriebe, auf die Franzosen ist halt Verlaß. Wunderschön, ich freue mich, habe viele Facetten der pariser Metro eingefangen. Ich kann es kaum erwarten die entwickelten Fotos zu sehen. Am meisten freue ich mich über die Motive von den mit Pendlern überfüllten Bahnhöfen, die wütend und ungeduldig auf ihren Zug warten.

Eine weitere Woche später war ich wieder zu Hause und es sollte noch eine Woche vergehen bis ich die entwickelten Negative erhalten sollte. Aufgeregt stehe ich im Fotoladen, gebe den Schein ab. Da sind sie, 10 Taschen gefüllt mit meinen heißgeliebten Negativen. Ich öffne eine nach der Anderen. Mir wird mit jeder geöffneten Tasche immer schlechter. Irgendwas stimmt nicht.Das kann doch nicht sein, denke ich mir. Mit der letzten geöffneten Tasche hatte ich dann die Gewissheit. Das Schwein auf E-bay hat mir eine kaputte Kamera verkauft. Auf meinen Negativen ist nichts als gähnende, schwarze Leere.

Hier gibt es mehr Geschichten, vor allem über die Liebe oder das geliebte Tape:
http://www.cassettefrommyex.com/

DER LETZTE SEINER ART

Written by . Filed under 06 Der Letzte seiner Art. No comments.

Sobald ich das Haus verlasse überkommt mich das Gefühl, dass die Welt ausserhalb meiner vier Wände ihren eigenen Rhythmus hat. Vielleicht ist es nur mein Empfinden, vielleicht ist es auch der Ort an dem ich wohne. Eingekeilt zwischen zwei großen und betriebsamen Straßen lande ich innerhalb von zwei Minuten, aus der kleinen Idylle sofort im Großstadtchaos.

Hastende, laut telefonierende Menschen strömen mir entgegen, wenn ich zur U-Bahn laufe. An der Ampel stehend, kann ich im 2. Stockwerk über mir die Menschen Fitnessstudio sehen, wie sie laufend und in die Luft starrend scheinbar nicht vom Fleck wegkommen. Ungeduldig hasten die Menschen über die rote Ampel, schleppen Einkaufstaschen, schieben den Kinderwagen oder spielen nebenbei auf ihrem Multimediagerät. Ist man den ganzen Tag unterwegs, wiederholt sich dieses Spiel immer wieder aufs Neue – als würde man im Hamsterrad laufen.  Auf dem Weg nach Hause jedoch, gibt es einen Ort an dem ich immer wieder zum Stehen komme und einen Moment so etwas wie Ruhe verspüre. Es ist ein Fotoladen, der schon seit mehr als 15 Jahren an der gleichen Stelle steht und an dem anscheinend die moderne Zeit vorbeigegangen ist, ohne auch nur eine Spur hinterlassen zu haben. Es wird Zeit ihn etwas näher kennenzulernen. Willkommen im Asa90.


Wie lange existiert euer Geschäft schon?
Der Laden in der Fuldastraße 55 in Berlin, Neukölln ist seit den 30er Jahren ein Fotogeschäft. Das Schaufenster ist für die direkte Nachbarschaft und die weitere Umgebung somit schon immer als Fotogeschäft sichtbar gewesen. Als Asa90 gibt es uns seit 1990.

Warum setzt ihr hauptsächlich auf analoge Technik?
Wir sind ein Gebrauchtwarengeschäft und die Verfügbarkeit der Dinge ist hier das Ausschlaggebende. Wenn nach den Waren, die wir verkaufen, keine Nachfrage mehr herrschen würde, müssten wir unser Konzept überdenken.

Heißt es, dass ihr euer Sortiment erweitern würdet, wenn es in Zukunft einen Markt für gebrauchte Digitaltechnik geben sollte?

Die Zukunft für digitale Second-Hand Technik sieht schlecht aus, weil die Lebensdauer der Geräte nicht ausreicht, um eine zweite Nutzung zu ermöglichen. Ein analoger Fotoapparat konnte, wenn er voll funktionsfähig war, weiter in seiner Funktion tradiert werden. Die Filme spiegeln das Know-How der Bildaufzeichnungen wieder. Ein digitaler Fotoapparat, der altert, erfüllt nicht mehr die Ansprüche der darauf folgenden Nutzergeneration. Das alte Model wird einfach durch ein neueres Model der darauf folgenden Generation ersetzt.

Du hattest mal erwähnt, dass ihr die Brücke zwischen Analog- und Digitalfotografie darstellt. Könntest Du das für uns nochmal erläutern?
Die Analogfotografie verlangt einen sehr hohen Aufwand, um ein Bild zu erzeugen. Man muss die gesamte Prozesskette von der Entwicklung des Films bis zur Entwicklung der Bilder beherrschen. Viele, die sich heutzutage mit Analogtechnik auseinandersetzen, können sich mit diesem Teil der Technik nicht befassen. Wir gehen an der Stelle offensiv nach außen und sagen: Wir scannen deinen Film und bieten dir damit die Brücke zur Digitaltechnik. Deshalb haben wir bei uns auch so viele Kunden, die sich hier die Kamera und dann zusätzlich noch den Film kaufen. Wir bieten immer den nächsten Schritt mit an.

Euer Hauptgeschäft ist also die Verbindung beider Techniken?
Das Bildergeschäft aus den Großlaboren ist drastisch zurückgegangen. Es kommt hier kaum noch einer rein, der einen analogen Film abgibt, um daraus eine Tüte mit 9×13 Bildern entwickeln zu lassen. Diese Kundengeneration stirbt regelrecht aus. Die jungen Leute wollen keine Tüte voller Bilder mehr. Dieser junge Herr kam zu uns mit schwarz-weiß Negativen, einer Hi8 Analogkassette und Dias.

Wie sieht die Kundschaft aus, die sich für Analogfotografie interessiert und was sind deren Beweggründe genau diese Technik zu nutzen?
Der Großteil der Kundschaft ist zwischen 20 und 30. Einer der Beweggründe ist die Reputation. Das heißt, die fotografierende Person kann sich mit der Kamera zur Schau stellen, denn die alten Analogkameras haben inzwischen einen hohen Wert als Statussymbol. Eine alte Kamera, die ich sonst nirgendwo kaufen kann, lässt bei Beobachtern und Interessierten oftmals Bewunderung aufkommen. Damit ist ganz viel Motivation bereits abgedeckt. Der andere Grund ist die Klarheit oder Einfachheit in der Bedienung. Die meisten Nutzer suchen sich eine Kamera mit Handaufzugshebel, einem Zeitenrad, einem Blendenring und einem schönen optischen Sucher.

Aber ist es dann nicht viel einfacher eine Digitalkamera oder eine automatische Analogkamera zu nutzen? Wie definierst du Einfachheit in Bezug auf das Fotografieren?
Es sollte sich lediglich auf die von mir genannten Bedienelemente beschränken. Dahinter muss keine Philosophie stehen, die erst noch zu ergründen wäre. Wichtiger ist, dass ich das Gerät, nachdem ich es gesehen habe, auch sofort benutzen kann. Eine Digitalkamera verlangt hingegen zusätzliche Setups in Bezug auf Auflösung und Größe. Ich muss sie ein- und ausschalten, ich muss Speicher und Strom verwalten usw. Diese ganzen Anforderungen entfallen bei einer analogen Kamera weitestgehend.

Denkst du, es hat auch etwas damit zu tun, dass die Leute verstehen wollen, was da passiert?

Das ist ein weiterer Grund. Die Leute kommen rein und sagen, sie möchten lernen wie man fotografiert. Sie bevorzugen Kameras ohne Automatikfunktionen. Leider gibt es nicht so viele Kameras ohne diese. Aber sie suchen sich dann eine Kamera aus, bei dem die manuellen Bedienelemente im Vordergrund stehen. Diese Sehnsucht nach manueller Verwaltung ist, neben der bereits erwähnten Reputation, das zweite Hauptmotiv.

Wie hat sich denn die Kundschaft seit dem Bestehen dieses Ladens geändert? Es war sicherlich nicht immer „hip“ mit einer analogen Kamera zu fotografieren?
Es lässt sich beobachten, dass die Nutzergruppe sich geändert hat. Wir hatten in unserem Geschäft früher ganz normale Familienväter, die hier reinkamen, um ihre Familienbilder abzulichten. Oder es kam die Oma, die um die Ecke wohnte und ihre Bilder vom letzten Geburtstag mitbrachte. Dieses Klientel existiert nicht mehr.

Ich sehe hier auch öfters ältere Männer hereinspazieren. Was wollen die genau? Lassen die zum Beispiel ihre alten Kameras reparieren?
Die alten Männer sammeln und reflektieren ihre Vergangenheit und beginnen zu „jagen“. Es gibt Leute, die ganz konkret nach einer Kamera suchen, die sie bereits während ihrer Kindheit benutzt haben. Aber die geben hier keine Bilder ab. Der Drang dieses eine Objekt zu besitzen ist intensiver als der reale Umgang mit ihm. Dieser Teil der Kunden ist nicht zu unterschätzen. Ich vermute mal, dass er ein Drittel unserer Gesamtkundschaft ausmacht.

Was ich auch als interessant empfinde ist, dass je nachdem welche Kamera man benutzt, sich auch zwangsläufig die Art des Fotografierens verändert. Wenn die erste Berührung mit Fotografie die
Handykamera ist, so erlernt man eher ein Knipsen. Mit der analogen Kamera muss man sich hingegen bewusst auf ein Motiv einlassen, der Film ist begrenzt und die Entwicklung des Films muss bezahlt werden. Man passt den entscheidenden Augenblick ab, währendessen hat man mit der digitalen Technik wahrscheinlich gleich drei Fotos nacheinander geschossen. Weicht im Amateurbereich das überlegte Fotografieren der hemmungslosen Knipserei?

Das ist aber nicht das Ergebnis der Kameratechnik, sondern die Art der Anwendung. Ein Profi wird weiterhin, auch mit seiner schnellen Digitalkamera, versuchen mit seinem Objekt eine Verbindung herzustellen. Sein Ziel wird es sein, den Blick aufs Bild zu vermeiden, und sich auf das Objekt oder die Person vor dem Objektiv zu konzentrieren. Für Anfänger ist es eine echte Herausforderung, den Verlockungen der digitalen Technik zu widerstehen. Sich mit der analogen Fotografie auseinanderzusetzen, kann für diese Nutzer sogar eine Art „Heilung“ sein. Sie merken, dass sie nur 12 Schuss haben und deswegen langsam arbeiten müssen. Aber die Bildinhalte, die ich hier beim Scannen von Amateurbildern sehe, haben sich nicht geändert. Partys/ Feste, Taufen, Beerdigungen, Paarbildungen, das eigene Auto, das eigene Haus und der Urlaub spielen genauso eine Rolle wie vor 20 Jahren. Es gibt nur wenige Bereiche, die durch die Digitafotografie besser erschließbar sind, zum Beispiel das „Lowlight-Fotografieren“. Bei wenig Licht ist die digitale Fotografie klar im Vorteil.

Im Vergleich zur Analogfotografie gibt es bei der Digitalfotografie keinen Träger, wie etwa das Negativ, der sich fortwährend mitnehmen und archivieren lässt. Siehst du darin ein Problem?
Die Leute, die viel digital fotografieren, haben am Ende des fotografischen Prozesses keine Bilder mehr. Die landen alle als Daten auf dem Rechner und damit beginnt die nächste Überforderung. Sie müssen selektieren und sich von schlechten Bildern trennen. Ich übe an einer Schule sowohl mit Kindern als auch Erwachsenen das Löschen, Sortieren und Priorisieren von Bildern. Die Materialisierung fehlt, die Leute können sich nicht organisieren und auch nicht mit ihrer Datenflut umgehen. Das ist ein neues Phänomen. Früher gab es ein ganz einfaches System. Da wurden die schlechten Bilder schon auf dem Tresen aussortiert. Jetzt wandert der „Trash“ mit nach Hause.

Ein anderes großes Problem ist, dass die Bilder, die ich digital erzeuge, mir nicht mehr selbst gehörig sind. Bei der Analogfotografie hingegen gab es nur das Privileg des Finanziellen. Kann ich es mir leisten einen Abzug zu machen oder ein Bild herzustellen oder nicht? Könige und andere Würdenträger haben früher Maler engagiert, um sich porträtieren zu lassen. Das war ein seltenes und hoch ange-sehenes Privileg. 1850 waren es Apotheker, die zum ersten Mal selbst Bilder entwickeln konnten. Seit den 30er Jahren ist Fotografie dann zu einem Massenphänomen geworden. Es fand eine regelrechte Demokratisierung statt. Die Bilder aus den 30er Jahren kann ich mir heute immer noch anschauen. Ob ich in 50 Jahren meine eigenen Bilder noch sehen kann, ist abhängig von einem Betriebssystem oder einer Technologie. Meiner Meinung nach wird es ein Loch in der Biografie der Menschheit geben, die sich nicht mehr im Fotoalbum widerspiegelt. Die Bilder fallen uns irgendwann als Datenfehler auf die Füße.

Eine Zeitlang galten Lomos und Holga-Kameras, eigentlich billige Massenprodukte, als angesagt und haben ein richtiges Revival erlebt. Diese Kameras verursachen oft Bildfehler wie Verzerrungen und Farbstiche, die den Bildern einen individuellen Charme verleihen.
Wenn hier jemand rein kommt, der eine Holga haben will, dann führe ich ihn hier durchs „Museum“. Wenn er dann Respekt für seine Vorfahren und für die mechanische Fertigung dieser schönen Dinge mitbringt und die alte Technik in die Hand nimmt, kann er sie hier kennenlernen und wird das Interesse an diesem modischen Schrott verlieren. Auch mit dieser Philosophie überleben wir. Durch langes Machen und Beobachten können wir Gutes vom Schlechtem unterscheiden. Alle, die hier hinter dem Tresen stehen, fotografieren selbst und können ihre Erfahrung weitergeben.

Denkst Du diese alten Kameras werden irgendwann aussterben? Nach der zwanzigsten Generation des iPhones beispielsweise?
Nein, weil die Menschheit immer handhabbare Werkzeuge braucht.

Ein iPhone ist doch sehr handhabbar…
Nein! Ist es nicht!

Man hat doch den totalen, direkten Kontakt.
Eben nicht. Du hast keinen haptischen Widerhall. Du hast nur eine glatte Oberfläche.

Es fehlt das Mechanische…
Genau! Weil du keinen mechanischen Widerhall hast, sprich: Keinen Klick spürst und auch keine Robustheit. Also, mit so einem Gerät würde ich nicht nach Afghanistan gehen und Kriegsreportagen machen. Ich würde mir zwar eine Landkarte als Backup rauf ziehen, aber auf den Rest würde ich mich nicht verlassen. Schon allein die Tatsache, dass ich kein Lithium Polymer Akku fände, wenn er alle wäre, würde mich abschrecken. Die hochwertigen digitalen Spiegelreflexkameras haben in ihrer Bedienung übrigens mehr Ähnlichkeit mit den analogen, manuellen Kameras als den Kameras mit Vollautomatik.

Unter dem Namen „The Impossible Project“ wurde die Produktion von Polaroid Filmen und Kameras wieder aufgenommen, nachdem der Hersteller im Juni 2008 die Produktion unter emotionalen Mit-
leidsbekundungen der Fans eingestellt hatte. Meinst du, dass der Wunsch von jungen Leuten  – die ja auch deine Kunden sind – ausreicht, um so ein Gerät wirtschaftlich erfolgreich zu reanimieren?
Nein,… Polaroid war ja in seiner Daseinsphase der „Monopolist“ der sofortigen Bildwiedergabe. Das hat sich durch die Digitaltechnik geändert. Damit ist es hinfällig.

Es existiert doch trotzdem eine Nachfrage, die wahrscheinlich denselben Grund hat wie euer Verkauf der Sachen: Den Reiz des Unveränderlichen. Das Bild kommt raus und ist nicht mehr manipulierbar wie es digitale Bilder sind. Es ist auf jedem Fall eine Momentaufnahme.
Ich würde die Polaroid-Nachfrage eher als eine Art Eintagsfliege einschätzen. Der andere antreibende Gedanke, dass es nämlich was „analoges“ ist und somit nicht vom Computer manipuliert werden kann, wird nicht ausreichen, es erfolgreich wiederzubeleben. Die Notwendigkeit, das Sofortbild zu haben, ist vorbei. Es gibt keinen Berufsfotografen mehr, der für mehrere hundert Euro Polaroid-Material im Kühlschrank lagert, weil er die Belichtungskontrolle sofort durchführen muss. Ich habe heutzutage ein iPhone, um meiner Familie mitzuteilen, dass ich am Ballermann betrunken feiere. Dafür brauche ich keine Polaroid mehr. Eine Nostalgiewelle allein wird nicht ausreichen, um damit ein älteres Produkt wiederzubeleben. Das hat es noch nie in der Menschheitsgeschichte gegeben.

Während des Gesprächs kamen ständig Leute herein, um etwas zu fragen, Poster aufzuhängen, ständig werden Dinge geliefert und abgeholt – ihr seid hier im Viertel ein Anlaufpunkt. Wir haben uns auch die Frage gestellt, ob der Zusammenhalt in den Nachbarschaft verloren gehen würde, wenn solche Läden aussterben würden?
Ja, der soziale Austausch verlagert sich. Was jetzt die soziale Nähe im Laden ermöglicht, wird beispielsweise in Clubs verlegt. Da kann man dann alkoholische Getränke und Drogen zu sich nehmen, vielleicht kann man das Fachgespräch dann nicht ganz so konzentriert führen, aber die soziale Nähe wäre da. Außerdem wären wir ja nicht die ersten, die aussterben würden. Die ganzen Tante Emma Läden gibt es auch nicht mehr. Das haben dann die Zeitungskioske übernommen. Da kommt jemand rein, raucht, tratscht ein bisschen und geht wieder. Für die kurze Unterhaltung brauche ich keinen Tante Emma Laden mehr. Oder man trifft sich abends an der Tanke. Da sehe ich nicht schwarz. Sicherlich ist es schön, wenn man gewissen Einrichtungen hinterher trauert, aber uns diese Funktion zuzusprechen, wäre egoistisch gedacht. Das Wissen, das wir jetzt vermitteln, ist auch nur solange nützlich, wie die Nachfrage vorhanden ist. Was nützt es zu wissen, wie eine Minolta x-300 funktioniert, wenn niemand mehr damit fotografieren möchte. Man kann das Wissen entweder ins Netz stellen oder ganz einfach vergessen, damit ist der Menschheit nichts Schlimmes passiert.

GET PHYSICAL

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Die Kassette – der Klang dieses Wortes weckt bei einigen Nostalgie, andere denken wohl eher an Opas Zeiten – So weit scheint es zurückzuliegen, als das “Tape” noch Musikträger Nummer 1 war. In Zeiten von Tauschbörsen und Mp3s gibt es aber immer noch eine Schar von Anhängern, die dieses Magnetband im Plastikgewand lieben. Die vielen Tapelabels zeugen davon. Eines davon ist Tapeworm. Im Gespräch mit Mr. Wyrm.

How did the worm meet the tape and why did he fall in love with it?
This Worm is of a certain age where tapes were central to my youth. From recording the Top 40 or John Peel of radio; using the medium to learn how to edit, control and manipulate these recordings into my rudimentary own; the explosion of the format in my teens; mixtapes from friends – unknown sounds compiled over hours; later on, the DJ mixes traded, memories of the fun; the precise 80s explorations of labels such as Touch and ZTT of what the format could possibly mean; the portability – then so novel – 10 songs in your pocket! It is simply a fantastic format.

What makes the tape so loveable? Is it more personal than other media?
It has a beautiful form factor. Very physical, perfectly sized. It’s personal in the same sense vinyl is personal. As with vinyl, it requires you to interact. Fast-forward, rewind, spool on. It’s mechanical, it hisses. It’s present, warm and audibly noticeable. I would maintain that the heightened degree of effort required to enjoy the music on a tape, as opposed to digital or, to a lesser degree, CD, makes the experience more focussed and involved. It’s also a great format for long-form recordings, of course.

Why the decision to make a tape-label? Were you inspired by other labels?
The Worms were looking for a way to play. All the various millions of Tapeworms work within the music world in one sideways way or another, and we found ourselves constantly frustrated by the mundane draining of pleasure from a release process. We asked some artist friends, and they agreed – these days there can be so much work for so little reward. So, we thought out loud: what if we eliminated the painful parts of the process?

What if we set up a self-sufficient micro-label where no one profits but no one loses, where an object needs sell just enough/a minute amount to break even? What if we do not need to pimp our product? What if, in this self-sufficiency, press and PR makes no difference? (NB: it was not until our 7th release that we started sending out promos, and then simply because certain parties kept demanding them from us…)

We had released tapes, historically, elsewhere - other labels, other eras. We had recently worked on two tapes on Ash International, and were flabbergasted by their micro-success. We had also been sent a tape by Joachim Nordwall from his iDEAL imprint; we loved it. We had beers on a warm summers day, in a South London garden. We realised that the the answer to our “what if”s was our old friend, the tape.

Do you think it´s necessary to be up to date with modern technology, e.g. Ipad, ebooks, social networking, etc.? How do you promote your tapes? Does the worm use social networks? How do you connect to your clientele?
I have a personal interest in the new, the future of…, in wondering “what happens now?”. Saggitariworm. I’m enough of a geek to get excited by the possibilities of an iPad. I was discussing this with Malcolm Garrett the other day – it amazes me how few creative uses have been invented for what coverart could now mean in this iPop era. A big touchy shiny surface glowing light into your eyes, yet so few experiments with the spaces available. The Tapeworm as a label could not possibly survive without modern technology. For example, email, FTP and “the cloud” allow us to work with the broad range of artists we do. We find our audience via online also; the small communities of like-minded lovers of sound, easily identifiable. Our tapes sell, mostly, via online stores. In many ways, our world is a very modern world and our (ahem) business model is a very modern business model. The Tapeworm tweets too, but this is less of an important business strategy than a personal habit. The Tapeworm really should do something on Facebook but never quite finds the time. Maybe these networks would just become another mundane pleasure drain?

As for connecting to our clientele, I’m immediately reminded of Sid Vicious’s answer to the question “Do you make music for the man on the street?” – “I’ve met the man on the street, and he’s a cunt.” …as in, we don’t particularly think of an audience when commissioning, editing or compiling. We do not set out to “connect”. We would rather surprise, confound, upset and confuse, than pander to or second-guess an imagined fanbase. Our set-up allows us to indulge ourselves. (Of course, I should add, our customers are most definitely not cunts. They are all very lovely and wise!)

Do you know who your clientele is and what they are looking for? Considering that I haven’t found a way to pre-listen the music, they either know your artists very well or just plain love the concept.

personally would mostAside from a tiny core of familiar names, and those who mail us directly, we have little idea of whom our customers might be. For what it’s worth, they have little idea of who we are too – who we are is unimportant, what we do is hopefully self-evident! As for what they might be looking for – as I wrote above, this is not our concern, and more importantly, not the concern of the amazing musicians who generously allow us to edition their music. I am certain, as we have worked with some known names, many of our customers might feel confident in buying a tape by, say, Fennesz, blind. I would dearly love to believe that our concept is appreciated and that there’s a small core who will follow our whims, take mini risks with us, and maybe stumble upon something surprising and new… That’s what I like to achieve; create a mini library with a broad swathe of amazing sounds from a myriad of genres – each at a democratic price, in a democratic package, where each is presented with the same principles but contains wildly differing soundscapes. Take a punt, it’s only 5,00 Euro, you might surprise yourself! …

Likewise, we do not want these tapes to exist in the realms of the digital preview. Like those mixtapes of yore my friends made for me – the allure of titles, the possibilities of the words, the wink of the coverart, the expectation of pressing play – like those mixtapes, we want to engage in a little mental foreplay…just imagine how good this tape might be!…

Is the tape today strictly/foremost a medium for artistic experimentation?
I would hope that any format can be such a medium.

Do you think anyone who grows up with mp3´s will have the same feelings, call it nostalgia if you want, about playlists and such, like we do, the generation that still got to know the tape while growing up?
I would guess so. I can be nostalgic for the clunk of death that emanated from broken Zip discs. I can recall chatting on IRC using a 28kbps dial-up connection. I can remember the wonder of when I first used infra-red beaming to send a text doc from a Newton Message Pad to my Mac…

It´s common sense, that restrictions can be inspiringfor artists. But isn‘t art about beeing free and limitless?
No, art is a construct; a way of looking at things,– of imagining, expressing. It should not immediately equate to “free” or “limitless”. Our chosen format has very obvious built in restrictions, which can be played as strengths. I like to believe the artists we work with explore these limitations with their own individual flair. They present so many different answers to our fairly straightforward question.

Economics teaches us, that demand increases theprice/value of something. So does the worm limit itself and its artists only to gain more interest?
Economics has been, as described above, as far as possible edited out of our equation. We do not strictly limit for elitist reasons; simply, this is how many we can comfortably sell and not lose money on. The scarcity of the editions and the formatting also hopefully affords the artists we work with a sense of freedom to maybe play a little outside of what might be usually expected from them. No one has anything to lose, see…?

What are the limitations of an mp3? Could you imagine working as creatively with the characteristics of that format as with the tape?
MP3 is fascinating less from an artist or label p.o.v. – as I noted above, I believe so much more could be done with the format and its surrounding technology. It’s quite workmanlike as is. This convenience-is-all format has, of course, seen the music fans be more “creative” with what to do with their data.

Where do you see the differences between the tape label scene in the beginning of the „tape-era“ – and now? Does it still breathe the same spirit?
I am uncertain if what we want to achieve with The Tapeworm is in any way related to the current tape scene, or what has happened before. There are many amazing small labels producing fantastic editions for that scene, who might view themselves as being more closely allied to that past than we do. What we want to do is simply create a series of editions by people we love and respect, edited and presented as perfectly as we can, and maintain a splendid positive freedom with as few compromises for the artists or label as possible.

Mehr:

www.tapeworm.org.uk
www.rhizome.org
www.c-90.org

MUSIK IN ZEITEN DES WEB 2.0

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von Stefan Goldmann

Musik. Wir kannten das lange Zeit so, dass jemand, der ein bisschen etwas kann, zehn Jahre Karriere macht und dann in der Regel verschwindet. Die großen Ausnahmen im Bereich elektronischer Musik sind Leute, für die das nicht zu gelten scheint. Also Francois K zum Beispiel hat mit Sicherheit die längste Karriere, und auch Richie Hawtin, Laurent Garnier oder Jeff Mills sind einfach nicht mehr wegzudenken. Von mir aus auch noch Kraftwerk. Das gibt einem Hoffnung. Auf der anderen Seite ist es für die, die jetzt nachrücken, so schwer wie nie zuvor. Da scheint die Halbwertszeit bei unter einem Jahr angekommen zu sein. Es liegt einerseits am nunmehr radikal einfachen Zugang und der Hektik des Marktes, sich in immer kürzeren Abständen „frischer“ Leute zu bedienen.

Den „Zugang“ muss ich erklären: in den „alten Tagen“, bis etwa Ende der 70er Jahre, war die Haupthürde Studiozeit. Wer als Musiker groß herauskommen wollte, brauchte Veröffentlichungen. Das heißt: Aufnahmen. Die damalige Aufnahmetechnik bzw. ihre Nutzung war aber irgendwann so teuer, dass die notwendige Studiozeit und das dazugehörige Personal ausschließlich von Großunternehmen finanziert werden konnte. Durch diese wirtschaftliche Ressourcenbegrenzung konnten ein paar hundert Künstler und Bands ein Millionenpublikum erreichen, da einmal hergestellte Aufnahmen sich mangels nachrückender Konkurrenz lange am Markt halten konnten und durch diese Fokussierung mehr Hörer begeistern konnten. Also nicht von Folgeprodukten aus den Regalen gedrängt wurden. Das änderte sich mit der Einführung der Vierspurtechnik, die erstmals Heimstudioproduktionen erschwinglich und konkurrenzfähig machten. Die gesamte New Yorker Downtownszene der späten 70er und frühen 80er lässt sich mit dieser Technik erklären. Die nächste Hürde fiel, als elektronische Drum Machines, Synthesizer und später Sampler brauch- und bezahlbar wurden. Ganze Musikstile entstanden: Hip Hop, House, Techno, D’n’B. Zugleich organisierten sich Vertriebsstrukturen, die unabhängig von den Major-Unternehmen waren und immer kleinere Zielgruppen bedienen konnten. So bildeten sich kleinere, mit Enthusiasmus betriebene Unternehmen heraus, die von finnischem Tango bis zu Death Metal auch vermeintlich unwirtschaftliche Fangemeinden durch einen weltumspannenden Vertrieb plötzlich so einbinden konnten, dass Künstler und deren Umfeld sich professionalisieren konnten – sprich, davon leben konnten. Diese Konstruktion wurde nie wirklich von den „Majors“ bedroht, die lediglich die umsatzstärksten Künstler gelegentlich abwarben. Man konnte sich gemütlich in seinen eigenen Vorlieben einrichten.

Im nächsten Schritt konnte eine komplette Produktion mit einem Aldi PC und einem Mikrophon (wenn nötig) gefahren werden. Die Software, die die vormals notwendigen Geräte imitierte oder teilweise ersetzte, gab es mittels Piraterie gratis. Dadurch sanken die Produktionskosten praktisch auf Null und die notwendigen Umsatzzahlen, bei der sich eine Veröffentlichung noch lohnt, fielen auf die Herstellungskosten des Tonträgers selbst sowie ein paar Nebenausgaben. 5000 verkaufte Einheiten waren nun ein Hit (statt früher mehrere Hunderttausend). Viele dachten sich nun – wozu Tonträger? Als digitaler Download fallen überhaupt gar keine Kosten mehr an. Im Ergebnis ergibt sich ein Vertrieb der jeder Veröffentlichung totale Verfügbarkeit ermöglicht hat – die aber so ineffizient ist wie noch nie: Was lade ich mir auf den Rechner, wenn fünf Milliarden Dateien sich anbieten? Wem schenke ich noch meine Aufmerksamkeit? Habe ich eine Aufmerksamkeit zu verschenken?

Die Majors sind davon kaum berührt – deren bekannte Probleme liegen viel eher in der eigenen Unfähigkeit, konsequent vorhandene Vorteile auszubauen. Große Künstler (sprich: umsatzstarke) werden idealerweise mit 360-Grad-Verträgen gebunden, die die Verwertung der gewinnträchtigen Live-Gigs, Verkauf von Fan-Artikeln usw. mitnehmen. Die maßgeblichen Mittel, um große Summen in den Bereichen Stadionbeschallung, Werbe- und Filmmusik abzusahnen, haben nach wie vor Majors in der Hand und daran ändert bisher keine vermeintliche „Demokratisierung“ etwas.

Die Opfer sind andere. Absurderweise hat der vollkommene Wegfall jeglicher wirtschaftlicher Hürden zum Musikvertrieb (eine Datei zum freien Download anzubieten kostet mich nicht mehr als die Uploadzeit) zuerst den „Indies“ den Garaus gemacht und persönlich vor allem deren Künstlern und dem Personal des Umfelds: Designer, Toningenieure, Produzenten, Studiomusiker, Texter, Musikjournalisten usw. (die von Freunden der Urheberrechtsaufweichung gerne bemühten Madonna und Metallica haben die Probleme der Independent-Künstler nicht). Alle sahen sich einer Konkurrenzflut gegenüber, die es ihnen mit ihren beschränkten Marketingbudgets in weiten Teilen unmöglich machte, am Markt zu bestehen – was gleichbedeutend ist mit dem Entzug des Grundeinkommens dieser Akteure. Eine durchschnittliche Vinylsingle machte im Jahr 2000 ein paar tausend Euro Gewinn. Im Jahr 2010 macht sie im Schnitt ein paar hundert Euro Verlust, ohne dass Produktionskosten im eigentlichen Sinn angefallen wären. Dadurch ist jegliches Extra – von einer größer angelegten Produktion über ein anständiges Mastering bis zu einem aufwendigen Cover potentiell nur Vertiefung des eigenen materiellen Schadens. Dort fällt dann mittelfristig alles weg. Die Flucht in den rein digitalen Vertrieb sieht nicht anders aus: Nur ein etablierter Künstler erzielt regelmäßig hohe digitale Umsätze – mit einem entsprechend starken physikalischen Tonträger in der Hinterhand. Alles andere bleibt in der überwältigenden Mehrheit ungehört. Eine durchschnitte „Nur-Digital-Single“ generiert mit viel Glück 100 Euro Ausschüttung an Künstler und Label zusammen – die nun meistens von derselben Person betrieben werden. Jetzt gibt es ein paar Millionen Künstler, die sich jeweils um ein paar hundert Kunden bemühen. Eine schwierige Relation. Oder wie der dazugehörige Scherz lautet: „In the future everyone will be world-famous for 15 people.“ Das Ergebnis ist die weitgehende Entprofessionalisierung. Generiert der Künstler regelmäßig nur Verluste, geht ihm irgendwann die Luft aus. Musiker ist nun ein Beruf für Erbreiche und merkantil besonders Clevere. Mit Qualität oder Überzeugungskraft der Musik hat das nichts mehr zu tun. Was vorher hauptberufliche Enthusiasten erledigten, gerät immer mehr zum Aufgabenfeld des Künstlers selbst. Plötzlich ist dieser Gestalter, Werber und Vertriebsmitarbeiter – alles Zeit und Aufmerksamkeit, die der Musik selbst dann fehlen. Dies erhöht den ohnehin enormen Druck auf das Umfeld. Im Jahr 2010 ist es schwer, professionelle Services selbst für ordentliches Geld zu kriegen. Mastering, Vinylherstellung, Musik-PR – kein qualifizierter Mensch tut sich diese Hungerjobs noch mit besonderer Hingabe an. Die Akteure wandern ab in bürgerliche Berufe. Hartnäckig hält sich die Legende, das Einkommen, zumindest noch für den Musiker, stelle sich dann über Auftrittshonorare ein. Wie kommt man aber an Auftritte? Nun, Presse hilft. Nur hat sich deren Arbeitsweise den Produktionsbedingungen angepasst. Im Bereich Elektronik gilt: Da hat jemand seine ersten zwei Singles produziert und wird prompt durch die komplette Presse- und Clublandschaft gereicht, nur um nach drei Monaten ersetzt zu werden. Mal ein Jahr Urlaub, Elternpause oder so? Bei denen, die in den letzten drei Jahren hochgeschossen sind, werden zwei Wochen ohne Release als Karrierebruch wahrgenommen. Über Jahre begleitet werden nur Künstler, die in den Jahren vor der totalen Flut (also bis ca. 2005) ihre Karriere starten konnten. Oder diejenigen, die sich die Artikel einfach kaufen können. Aber auch das funktioniert nicht immer und nachhaltig auch nur mit mindestens fünfstelligen Budgets. Alle anderen dürfen es als kurzen Ausflug in der Zeit zwischen Schule und irgendeinem regulären Job betrachten.

Die Desillusionierung der Künstler führt zu immer banaleren Ergebnissen – wozu sich noch Mühe machen? Eine mit zwei Stunden Aufwand produzierte Single verkauft 500 Stück Vinyl, ein kleines Meisterwerk dann 800 (plus ein wenig Biergeld bei Beatport). Tendenz fallend. Was folgt daraus? Die so genannte Demokratisierung hat nicht funktioniert. Alle glaubten, Zugang zu haben. Nur dieser Zugang ist für sich genommen nichts mehr wert, weil es niemanden interessiert, dass DJ XY aus Z eine Platte herausgebracht hat. Ich bekomme auf bestimmt zehn verschiedenen Kanälen jeden Tag dutzende Anfragen, irgendein File anzuhören. Trotz Spamfilter und Aufforderung, mir nichts zu schicken. Das Ergebnis ist, dass ich mir überhaupt keine Files mehr anhöre. DJ XY kriegt keinen Auftritt. Oder falls mal doch, dann fürs Taxigeld. Bei gefühlten 50.000 DJs allein in Berlin brauchen Clubbetreiber A, B oder C sich nicht mühen. Irgendwer spielt notfalls auch umsonst. Mit ihren Auftritten können die DJs ja ihre Platten bewerben. Und in Dorf Z darf man gratis üben, um es vielleicht mal in Berlin zu schaffen. Da schließt sich der Kreis der Unmöglichkeit. Keine ordentlichen Auftritte, keine Plattenverkäufe. Kein Einkommen. Wer nicht schon da ist, kommt auch nicht mehr an.

Diese Propaganda, dass man in Zukunft seine Musik allen verschenken wird, um von den Auftritten zu leben, ist von der Realität definitiv entkräftet worden – eben weil alle das praktisch schon so machen und trotzdem keine Auftritte kriegen. Außer Radiohead. Natürlich nur nach einem Jahrzehnt unter dem strengen Regiment eines millionenschweren Marketingbudgets eines Majors. Die einzigen Profiteure und die größten Fans der Piratenpartei sind die Aktionäre des Nasdaq 100. Wer von Musik leben will, sollte es erwägen, sich da einzukaufen. Da geht das Geld hin, das früher bei Musikern und deren Umgebung landete. Was auch genug über die andere Seite der „Demokratisierung“ sagt – der einzelne Mensch hat keinen Gewinn. Er bezahlt die Gewinne von Google, Apple, Beatport, Creative Commons (ja, die Organisation dahinter verdient schweres Geld) und so weiter mit dem Verlorensein in einer Flut der Irrelevanz, mit schlechter Musik, mit sich nicht mehr einstellender Begeisterung und mit dem unguten Gefühl, dass andere schon mal mehr Spaß hatten. Die totale und allumfassende Demotivation führt im Ergebnis nicht nur zu Mangelleistungen der Musiker, sondern auch zum Verdruss aller anderen. Ein frustrierter DJ legt öde Musik vor bocklosen Leuten auf. Das ist in etwa das durchschnittliche Event da draußen. Alternativ schwelgt man kollektiv in der Nostalgie nach irgendwelchen alten Tagen. Alle machen dasselbe, weil sie Angst davor haben, bei der geringsten Abweichung auch noch die restlichen geduldigen Konsumenten zu vergraulen. Und die verharren nur aus Mangel an Alternativen.

Und genau da wird es wieder interessant. Weil alle nur einen Minimalstandard halten, muss man einfach völlig überproportionale Kreativität abfackeln. Weil nichts sicheren Erfolg verspricht, kann man nun endgültig alle Rücksichten auf das Übliche fallen lassen. Je abwegiger desto besser. Nur so kann man aus dem allgemeinen Nichts noch irgendwie herausstechen. Der Vorteil ist, zynisch gesprochen, der: Die üblichen Kanäle sind ein für alle mal dicht. Wer sich abmüht, dort noch etwas durchzudrücken, verbraucht nur nutzlos seine Energie. Die funktionierenden Kanäle sind andere und sie lassen sich mit Ausdauer und Inhalten erobern, also mit den Merkmalen, die am auffälligsten aussterben. Wenn man das erkannt hat, ist die Masse nicht mehr ganz so bedrohlich, weil sie sich selbst aufhebt. Nur ein Beispiel: Ich habe gerade ein Album auf Kassette veröffentlicht und habe mir da sehr viel Mühe gegeben. Niemand sonst würde in so ein Format mehr Produktionszeit als unbedingt nötig investieren. Allein das hat enorme Aufmerksamkeit nach sich gezogen. Mit irgendeinem File auf Beatport wäre das nicht passiert – egal wie gut der Track dahinter wäre. Es ist gerade genau genommen wieder einfacher geworden, so lange man wirtschaftlich nach der Maxime handelt „Alles Populäre ist falsch.“ Zumindest in den ganz großen Medien, z.B. dem Spiegel oder BBC, bin ich nur wegen völlig abwegiger Projekte gelandet. Entsprechend habe ich plötzlich Auftritte nicht nur in irgendwelchen Technoclubs, sondern auf der Bühne des Mannheimer Nationaltheaters oder im Wiener MAK-Museum. Das wiederum beeindruckt die Booker in den Technoclubs… Eventuell ist die Zukunft sowieso die, dass die Künstler, die wirklich etwas zu vermitteln haben, sich aus der Verfügbarkeit weitestgehend zurückziehen werden. Wozu Files verbreiten? Für wen soll das einen Wert haben? Man stelle sich einen großartigen Track vor, den es ein einziges Mal gibt – auf Dubplate. Oder sozusagen der Rückfall ins Mittelalter – die Musik gibt es nur noch in Anwesenheit des Künstlers. Kein Release. Es wird für alle erst wieder interessant, wenn man weiß: ich bin gerade bei etwas Besonderem dabei. Wie sich dieses Gefühl einstellt – das ist die Aufgabe der Kreativen, wenn sie diesen Namen verdient haben.

Noch ein Gedanke zur Finanzierung des Ganzen, denn seit dem Ende der Indies ist die nötige Einstiegsinvestition wieder deutlich höher: Wer sagt, dass man seinen Unterhalt zwangsläufig mit traditionellen Mitteln bestreiten muss? Also Einnahmen aus dem Verkauf von Aufnahmen, Honorare für Auftritte, Einnahmen aus Urheberrechten, Merchandise und so weiter. Diese kann es einerseits immer geben, aber man kann sich eben nicht auf sie verlassen, weil sie nun alle von den verschiedensten Leuten und Unternehmen abgesaugt und entzogen werden. Andererseits war es noch nie so einfach, dadurch Einnahmen zu generieren, dass man mit minimalem Zeitaufwand Verbindungen zwischen den abwegigsten Angeboten und Nachfragen herstellt. Die Welt des Internets ist voll mit Möglichkeiten, z.B. lokale Preisunterschiede für ein automatisiertes Einkommen zu nutzen. Kostet ein bestimmter Artikel in Schwäbisch-Hall hundert Euro, so kostet er in Seoul womöglich nur fünf Euro. Mit einem Minimum an Kennerschaft und Kreativität lässt sich diese Verbindung in teilweise exorbitante Gewinnspannen ummünzen. Bezahlen tut die Bequemlichkeit der Käufer, die für einen einmaligen Vorteil nicht fünf Stunden recherchieren wollen. Wenn man das Ergebnis dieser Recherche aber hundert- oder tausendfach verwertet, erzielt man für die investierte Zeit einen durchaus beachtlichen Lohn. Ein Gewerbeschein und der eigene Internetzugang sind die einzigen Ausgaben. Wirtschaftliche und juristische Grundkenntnisse sind von Vorteil. Die komplette Abwicklung lässt sich auf externe Dienstleister auslagern, Stichwort Fullfilment. Das ist nur eine Möglichkeit. Andere nutzen die Feinheiten des Urheberrechts oder Startvorteile von neuartigen Vertriebsmodellen. Dividiert man einmal Einkommen und eigene Tätigkeit im Kopf auseinander, sieht man überall neue Möglichkeiten. So kann man manchmal in wenigen Wochen ein Jahresbudget erwirtschaften. In Phasen von erhöhtem Direkteinkommen durch Musik kann man wiederum den weltweiten Warenaustausch auf Autopilot lassen. Eigentlich ist das vielleicht die bessere Lösung: die Trennung von Arbeit und Einkommen. Um die Verkaufbarkeit meiner Musik mag zumindest ich mir den Kopf nämlich nicht mehr zerbrechen müssen.

www.myspace.com/stefangoldmann
www.macro-rec.com



VIENNA CALLING

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Nein, hier geht es nicht um Falco, wohl aber um die Stadt Wien, der wir über Straßen des weiltweiten Netz einen Besuch abstatteten. Wir trafen uns mit Österreichs einzigen Techno Tanzband. Ein Interview mit ELEKTRO GUZZI.

Stellt euch doch bitte vor. Wer seid ihr und was
macht ihr?

Wir sind Elekto Guzzi und wir machen Musik.

Und wer macht bei euch was?
Berni B.: Ich spiele Schlagzeug.
Jakob: Ich spiele Bass.
Berni H.: Und ich Gitarre.

Erzählt uns doch mal wie ihr euch kennengelernt habt und wie es zu der jetzigen Konstellation gekommen ist.
Berni H.:
Jakob und ich haben vor etwa zehn Jahren angefangen, miteinander zu spielen. Etwa zur selben Zeit hat Jakob erste Versuche unternommen mit einem Drummer Techno-Zeug zu spielen. Das hat mich dann auch interessiert, so bin ich dazu gestoßen und habe mitgejammt. Dies lief dann auf eine Ein-Wochen-Session in irgendeinem Haus auf einem Berg hinaus. Das war für uns der Anfang.
Jakob:
Ein guter Freund von uns hat damals angefangen Technoplatten aufzulegen und wir haben ihn öfters besucht. Eigentlich hat es ziemlich lange gedauert bis uns die Idee gekommen ist, diesen Sound auf unsere Instrumente zu übertragen oder es zumindest zu probieren. Vorher haben wir alle traditionelle Bandmusik gespielt wie z.B. Rock und wir haben versucht, ein bisschen Jazz zu studieren.

Und wie weit seid ihr damit gekommen?
Bernhardt B.: Bis zum Bebop.
Jakob: Bei Free Jazz sind wir dann irgendwann hängengeblieben… Nein, wir haben uns alle mit improvisierter Musik beschäftigt und studiert haben wir auch alle. Wir wollten aber nicht die Laufbahn eines Studiomusikers oder die eines Musikschullehrers einschlagen. Deswegen haben wir beschlossen etwas anderes zu machen, etwas das uns mehr interessiert und das war diese Band.

Wie  baut ihr eure Lieder auf? Schreibt ihr sie oder ist es eine Jamsession?
Bernhardt B.: Am Anfang war das Konzept, wirklich nur zu improvisieren, eine Stunde auf der Bühne zu stehen und eine Stunde lang Techno zu spielen. Die Sounds und die Strukturen waren ungefähr klar. Der Rest war improvisiert. Inzwischen ist es dazu gekommen, dass wir Musik geschrieben oder Tracks komponiert haben und jetzt ist das Programm ziemlich durchgeplant. Es gibt aber schon noch offene Stellen, die Raum für Improvisation lassen.
Jakob: In dem Sinne ist es auch weniger der Free Jazz als Einfluss, sondern viel eher improvisierte Musik im Allgemeinen, sagen wir „neue Musik“ oder „abstrakte Musik“. Musik, mit der wir uns beschäftigt haben und die uns dazu bewog, unsere Instrumente nicht im klassischen Sinn zu spielen. Wir versuchen Sounds herauszuholen, die darüber hinaus gehen. Berni (H.) und ich verwenden viele Effektgeräte und wir alle präparieren unsere Instrumente, um unsere Sounds zu verändern, damit sie nicht einfach nach Schlagzeug, Bass und Gitarre, sondern in unserem Fall nach einer Technoplatte klingen.


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PARADIES UND INZEST

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von Philip von der Meden

Ob Musik oder Menschen: im Internet kann man sich mit fast allem verbinden. Doch das vitalste Bedürfnis der Nutzer, das Bedürfnis nach menschlicher Bindung, wird trotzdem selten erfüllt.

Alle rücken enger zusammen. Spätestens seitdem das Internet seinen Siegeszug angetreten hat, steht „Globalisierung“ für mehr als ein mondänes Konzept des Möchtegern-Jetsets. Soziale Vernetzung, nicht nur ein zielgerichtetes „Networking“, wird immer umfassender gelebt. Wer heute auf Facebook keine Kontakte im Ausland hat, erregt schnell den Verdacht der kleinbürgerlichen Beschränktheit. In unzähligen Tauschbörsen handelt man mit Daten, die einem nicht immer gehören. Besonders erfolgreich sind dabei Anbieter, die als Gegenstand des Tausches Informationen anbieten, die wiederum Möglichkeiten zu intimeren Formen des Austausches eröffnen: Anbieter, die Beziehungsanbahnungen versprechen – oder die unverhoffte Offenbarung sexueller Phantasien der Nachbarin. Es gibt mehr Verbindungsmöglichkeiten für den Einzelnen als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit. Wer heute in einer halben Stunde einen Flughafen durchschreitet, bekommt mehr Menschen zu Gesicht als seine Vorfahren noch vor wenigen tausend Jahren in ihrem gesamten Leben begegnet sind.

Was sollte das Problem einer solchen Entwicklung sein? Mehr Kontakte bringen mehr Menschen zusammen und könnten damit für größere kulturelle Verständigung, für ein besseres Miteinander, am Ende gar für eine friedliche Welt sorgen. Es war schließlich schon immer die loseste Form der Kommunikation, der Handel, dessen verbindende Wirkung seit seiner Erfindung für sozialen Ausgleich gesorgt hat. Aber mehr Kontakte, eine größere Anzahl „Facebook-Freunde“, eine verstreute, unkonzentrierte Form der Kommunikation, eine Offenheit gegenüber allen und allem, sorgt zwar für mehr Verbindungen, nicht aber für sicherere und erfüllende Bindungen. Je mehr Verbindungen der Einzelne eingeht, je größer die Anzahl seiner sozialen Kontakte ist, desto schwieriger wird es für ihn, seine Rolle zu finden. Bis zu einem gewissen Grad mag der Einzelne seine Rollen wechseln und sich dem aktuellen Interaktionsfeld anpassen können, aber eine solche Anpassungsfähigkeit ist eine ungleich verteilte Fähigkeit. Menschen sind in der Lage, sich erfolgreicher als andere Tiere ihre Nischen in wechselnden Umwelten zu erobern, aber das ursprüngliche Bedürfnis nach der Einheitlichkeit des eigenen Seins legt kaum einer ganz ab. Jeder möchte seinen Platz in der Welt finden, in die er geworfen wurde. Weil sich der Einzelne als Subjekt erlebt, gibt es eine Außenwelt, mit der er sich arrangieren muss. Er kann besser und schlechter zu der Welt passen, in der er lebt. So ganz passt er jedoch nie, sonst würde er nicht als eigenständiges Subjekt existieren. Durch die Ausbildung von Subjektivität verliert der Mensch die Einheitlichkeit des Seins und gewinnt die Möglichkeit, sich selbst als Urheber von Handlungen und Teil eines größeren Ganzen zu erleben. In diesem Ganzen kann er nicht aufgehen, aber er versucht es trotzdem immer wieder. Dieser vergebliche Versuch ist ein zentraler Aspekt vieler Religionen. Auch die biblische Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies handelt davon: Als Adam und Eva zu denken begonnen haben, erkennen sie ihre ursprüngliche, soeben eingebüßte Verbundenheit mit der Natur, ihre Nacktheit. Erst mit der durch den subjektiven Gedanken verursachten Sünde, welche die Trennung von Gott symbolisiert, wird der Mensch wirklich zum Menschen; jetzt unterscheidet er sich von seiner Umwelt. Der von Anfang an unmögliche Wunsch nach einer Rückverschmelzung, nach einer absoluten Einheitlichkeit ist in der Welt.

Um die Dringlichkeit dieses Wunsches zu lindern, um dem Einzelnen seine Gefangenschaft in der eigenen Subjektivität erträglich zu machen, hat der Mensch zahlreiche Mechanismen entwickelt. Es ist wohl nicht übertrieben, diese Mechanismen mit dem Konzept der Kultur gleichzusetzen. Kultur beginnt mit der Frage nach dem richtigen Kontakt. Claude Lévi-Strauss, der kürzlich verstorbene französische Ethnologe, hat mit dem in jeder Gesellschaft in verschiedenen Formen existierenden Inzestverbot eine grundlegende gesellschaftliche Regel über legitime und illegitime soziale Kontakte als Übergang von der Natur zur Kultur identifiziert. Das Inzestverbot ist die erste Form einer sozialen Regel, gerade weil sie Grundlage für die Stabilität einer Gruppe und mögliche Allianzen mit anderen Gruppen ist. Offenbar ist die Frage, welche Art von sozialen Kontakten „richtig“ sind, zumindest aus evolutionärer Sicht von größter Wichtigkeit, ansonsten würde es sich beim Inzestverbot nicht um „die Regel“ schlechthin handeln.

Nun sind die Strukturen gegenwärtiger Industriegesellschaften weit entfernt von denen der Naturvölker, die Lévi-Strauss vor über einem halben Jahrhundert in den Fokus seiner Untersuchungen nahm. Ein breiter Konsens über gesellschaftlich akzeptierte Normen ist immer schwieriger zu erzielen, weil partikulare Interessen in einer sich weiter ausdifferenzierenden Gesellschaft naturgemäß immer schwieriger miteinander zu vereinbaren sind. Schwindende Tabus sind ein Ausdruck dieser Konflikte. Vielleicht ist tatsächlich das Inzest-Tabu in komplexen Gesellschaften noch eines der wenigen in irgendeiner Form von (fast) allen Mitgliedern akzeptierten Verbote.

Doch neben ausdrücklichen Verboten halten alle Gesellschaften auch eine Reihe von sozial erwünschten Umgangsformen bereit. Je komplexer eine Gesellschaft wird, desto komplexer werden ihre Kommunikationsmechanismen. Ob in der Gruppe eines Naturvolkes unter Anleitung des beschwörenden Heilers gesungen und getanzt wird, oder ob ein DJ in einer großen Halle mit Elektrorhythmen versucht, die Menge zusammen zu bringen – das Prinzip bleibt das gleiche. (Allerdings dürfte es der DJ um einiges schwerer als der Heiler haben, denn er kennt den Großteil seines Publikums nicht persönlich.)

Digitale Medien, insbesondere natürlich das Internet, erleichtern den Zugang zu verbindenden Strukturen: mehr Kontakte, mehr Musikdateien, mehr Filme, mehr Nachrichten. Und nicht nur wird alles mehr, sondern vor allem auch schneller. Nichts ist prinzipiell gegen diese Möglichkeiten einzuwenden. Weder müssen viele Kontakte noch eine große Anzahl an verfügbaren Informationen unglücklich machen. Und doch stellen digitalisierte Formen der Kommunikation auch eine Gefahr dar. Denn ihre schier unermessliche Fülle lässt die Auswahl des richtigen Zielobjekts, sei es ein interaktiver sozialer Kontakt, sei es eine Musikdatei, immer willkürlicher werden. Nicht die Beschäftigung mit dem Kontakt selbst, sondern dessen Auswahl in der unendlichen Masse an Verlockungen wird immer wichtiger. Ein solches Rosinen-Picken fördert das, was der Psychoanalytiker Erich Fromm den Modus des Habens genannt hat: eine Geisteshaltung, die sich auf materiellen Besitz, Gewinnsucht, Macht und Aggression, Gier, Neid und Gewalt gründet. Der Haben-Modus ist für Fromm der Inbegriff der seit dem Mittelalter im Menschen immer stärker zum Vorschein kommenden Lust an der Expansion. Im zwischenmenschlichen Bereich offenbart sich das aktive Haben-Wollen dabei paradoxerweise besonders in passiv erlebten Zuständen. Weil es nicht möglich ist, den anderen zu besitzen, der Mensch aber zugleich ahnt, dass in der Zuneigung anderer Menschen ein hohes Maß an Lebensqualität verborgen liegt, versucht der Mensch im Haben-Modus besonders liebenswert zu sein, um die Gunst seiner Mitmenschen zu erwerben. Dating-Portale im Internet haben deshalb immer den faden Beigeschmack eines modernen Sklavenmarktes, bei dem sich Sklavenhändler und Sklaven in einer Person anderen gleichermaßen gestrickten Personen gegenüberstehen. Doch auch wo es nicht um soziale Kontakte im engeren Sinne geht, kann der Fromm’sche Seins-Modus, Antipode des Haben-Modus und Inbegriff schöpferischer Tätigkeit, bei digitalen Medien schnell auf der Strecke bleiben. Das hängt allerdings sehr vom individuellen Umgang mit entsprechenden Medien ab. Wie bei sozialen Kontakten kommt es in erster Linie auf die Einstellung, die Qualität des individuellen Umgangs mit dem Bezugsobjekt an. Nur durch eine zugewandte, aktive, ja liebevolle Form der Beschäftigung mit dem anderen kann es zu tieferen kulturellen Erlebnissen kommen: Man verliert sich in der Musik; man verschlingt ein Buch; man liebt einen Menschen… Im Ritual wird der kurze Moment ewig. In der Konzentration auf das Gegenüber sprengt der Einzelne den Kreis der Isolation, weil andere Möglichkeiten des Kontakts ausgeblendet werden, weil Qualität Quantität überlagert. Nicht aus der Menge der einen umgebenden Bezugsobjekte erwächst die Möglichkeit der Überwindung der ursprünglichen Isolation; Verbindungen sind haltlos, wenn sie ein passives Netz der Beliebigkeit sind. Erst durch die Auswahl einzelner Bezugsobjekte in komplexen Strukturen und durch ihre Aktivierung in bewussten Prozessen kann sich ein stabiles Drittes im Austausch entwickeln: Ein Gefühl, welches sich durch eine Melodie hervorrufen lässt; Gedanken, die sich durch eine Idee ordnen lassen; soziale Kontakte, die Beziehungen entstehen lassen. Aus dem Einzelnen und seinem Bezugsobjekt geht etwas größeres hervor als die Summe seiner Kontakte beschreiben könnte. Qualität vor Quantität, Aktivität vor Passivität – welcher Art auch immer eine Form der Kommunikation sein mag, sie muss einen Beitrag zur Überwindung der durch das Denken entstandenen Trennung des Menschen von seiner Umwelt leisten können. Wenn Tauschbörsen, Facebook und Dating-Portale bei der Verfolgung dieses Ziels einen Beitrag leisten können, dann her damit…